UEFA EURO 2012 – Ukraine Teil 3

 

Der Klassiker in Charkiw

 

 Niederlande – Deutschland

13.06.2012, Vorrunde Gruppe B, Metalist Stadium Charkiv, Endstand: 1:2

Zuschauer: 37.800

Tore: 0:1 Gomez (24.) ; 0:2 Gomez (38.) ; 1:2 van Persie (73.)

 

Unverhoffter Saunagang

Spieltag. Deutschland-Holland steht auf dem Programm. Vorfreude und Optimismus sind groß. Zunächst jedoch hat Sascha für uns ein Entspannungsprogramm arrangiert. Er setzt uns in dem Banja eines Freundes ab, wo uns das volle Sauna-Programm erwartet. Es ist angenehm entspannend bei mit Honig versetztem Saft und frischen Früchten. Der Sauna-Gang ist etwas ungewohnt. Man steckt mit dem Kopf vollständig in nassem Eichenlaub, wodurch der Kopf kühl bleibt und man lange in dem heißen Raum ausharren kann. Währenddessen bearbeitet Saschas Banja-Meister unsere Körper mit weiteren Laubruten. Das Beste jedoch ist der erlösende Sprung ins Wasserbecken. Spätestens jetzt sind die brütende Hitze Draußen und die unbequemen Nächte vergessen. Irgendwann, als Arne dran ist, muss der Meister weg. Er geht jedoch nicht, ohne Hendrik in die Künste des Laubrutenschwingens einzuweisen.

Ich sitze indes völlig entspannt in der Ecke und beobachte die Szene: Hendrik, nackt, nur mit einer Filzzipfelmütze bekleidet, vertrimmt Arne, den Kopf in einen nassen Laubhaufen gesteckt, mit einer Eichenrute den blanken Hintern… wo sind wir hier eigentlich wieder reingeraten? Nach der Sauna warten Borschtsch und Wodka auf uns, um die Sache richtig russisch abzurunden. Wir verlassen den Laden und schweben federleicht in den Spieltag. Heute werden wir garantiert die entspanntesten Menschen im ganzen Stadion sein.

uefa-euro-2012_102 Wir suchen die Ostfriesen, die Arne auf der Zugfahrt nach Krakau getroffen hatte. Als wir den Laden finden sind die Jungs nicht mehr da. Wir bleiben trotzdem auf ein Bier und Arne merkt nach einer Weile, dass die Friesen-Baggage eigentlich nur zwei Tische weiter sitzt. Also rüber. Erfrischend und sympathisch klingt das Norddeutsche nach dem doch zähen badischen Gerede der letzten Tage.

Die Friesen brauchen tatsächlich drei Stunden um ihre Bezahlung klarzukriegen, dann geht es endlich los zur U-Bahn. Der Zug ist voll mit Fans. Kurioserweise wird die Stadion-Haltestelle Sportyvna nicht angefahren.

Hintergrund ist, dass die Haltestelle derart stadionnah ist, dass Sie direkt in den Sicherheitskorridor mündet. Also rauschen wir durch bis zum nächsten Stop. Die überaus spannende Gegend wirkt tatsächlich weit weg vom WM-Rummel und die Leute sind ebenfalls völlig unbeeindruckt.Ein Weg-Bier ist schnell zur Hand und der Spaziergang hinein in die Abendsonne weiß zu gefallen. Wir haben noch drei Stunden Zeit bis zum Anpfiff, wollen aber das früher beginnende Spiel Dänemark-Portugal noch auf den Außenleinwänden des Stadions sehen. Leider wird daraus nichts. Die Leinwände werden nicht genutzt. Stattdessen ist das Stadion etwas weiträumiger abgeriegelt.

Wir treffen noch einmal die anderen Braunschweiger und irgendwie verläuft es sich dann etwas. Arne und ich gehen mit dem Ziel erster Fernseher in Richtung Innenstadt. In einer Bar mit Biergarten werden wir schließlich fündig. Das Publikum ist sehr gemischt und alle verstehen sich blendend. Irgendwann schneit auch der eine von den Karlsruhern in den Biergarten herein und ist dank seiner Physis und Aufmachung gern gesehener Gast auf Gruppenfotos. Er nimmt sich nicht zu ernst und schwärmt von der Lockerheit der Holländer und deren Verkleidungen. Schwierig.

Irgendwann fragt er die jungen Damen am Nachbartisch, ob sie Russen seien. Als diese etwas entrüstet entgegnen, sie seien Ukrainerinnen, winkt er weltmännisch ab: ‚Russia or Ukraine – for us it is the same!‘. Autsch. Aber alle amüsieren sich köstlich und selbst diese Aussage sorgt bestenfalls für kurze Irritation. Portugal schlägt die Dänen. Nicht das beste Resultat für unsere Mannschaft. Die Holländer aber freut es.

 

Nachbarschaftsduell

Wir halten uns nicht länger auf und machen uns auf den Weg ins Stadion. Obwohl aus anderer Quelle entstammend, ist mein Ticket für denselben Block wie das von Arne und Hendrik. Hendrik ist schon im Stadion und da durchaus noch etwas Platz ist, können wir nebeneinander stehen. Es ist ein Sommer- und Fußballabend allererster Güte. Jeden Kilometer war es wert, heute Abend hier zu stehen. Die Tribünen knistern förmlich unter der guten Laune und die Stimmung in der weißen Kurve ist fantastisch. So siegessicher war man sich einfach lange nicht mehr gegen die Holländer.

uefa-euro-2012_108 Als die Mannschaften einlaufen verschwindet die Außenwelt. Die Reise, die Ukraine und all das Erlebte ist Geschichte. Einzig der Rasen zählt. Die Unterstützung ist erneut stark und die Mannschaft zieht mit. Als die Tore fallen herrscht Ausnahmezustand. Der Durchdreh-Anteil kann sich sehen lassen! Freudentaumel und Siegesrausch. Der Block feiert ausgelassen. Dass van Persie noch einmal für Spannung sorgt rundet die Sache noch einmal ab. Der Schlusspfiff besiegelt den Sieg gegen den Nachbarn und drei weitgereiste Braunschweiger liegen sich in den Armen. Wir verharren noch lange im Stadion und genießen den Abend. Dieses Spiel war vor Monaten der Hauptantrieb für unserer Reise.

Gerade wurde es abgepfiffen und es passt einfach alles. Beim Rausgehen treffen wir nochmal die beiden Karlsruher, die uns in ihrem Wagen mitgenommen hatten – kurioser Weise gerade einmal zwanzig Meter neben der Stelle an der wir uns zwei Tage zuvor verabschiedet hatten. Hendrik, Arne und ich schlendern ohne Eile mit dem Strom Richtung Innenstadt. Ein Bier hier, ein Bier da und alles bleibt ganz gelassen. Keiner weiß so Recht wohin und so verschlägt es uns in einen Park im Zentrum, wo eine Art Party stattfindet. Erneut funktioniert die Mischung bestens. Holländer, Deutsche, Ukrainer, Gaststudenten und bekennende Fans des lokalen Clubs Metalist. Das abwechselnde Singen erinnert an den Grandprix d’Eurovision.

Wir plaudern: Mal auf Englisch, mal mit drei Worten und zwei Händen. Hier haben sich wieder viele junge Ukrainer versammelt, die den Austausch suchen. Diese Gespräche und gemeinsamen Fotos sind ihre Teilnahme an der EM. Einige kommen geradewegs aus dem Deutschkurs, andere kommen weil sie ernsthaft fußballinteressiert sind.

Die dunkelhäutigen Jugendlichen, ich vermute Austauschstudenten, feiern mit. Im Vorfeld des Turniers wurden insbesondere hier aus Charkiw besorgniserregende Zustände offenkundig. BBC Panorama zeigte Aufnahmen auf denen asiatische Metalist-Fans brutal aus dem Stadion geprügelt wurden. Der ehemalige England-Kapitän Sol Campbell sprach eine öffentliche Warnung an alle dunkelhäutigen England-Fans aus, nicht zu dieser EM zu fahren.

uefa-euro-2012_110 Heute stelle ich erleichtert fest, dass sich niemand an den anders aussehenden zu stören scheint. Auch sie sind Gäste auf vielen Gruppenfotos. Vielleicht kann die Internationalität des Turniers auch in punkto Toleranz etwas bewirken.

Die Metalist-Leute hier – es sind unerwartet viele Frauen darunter – sind sehr präsent. Sie sind in bestem Ultra-Alter und etwas überdreht. Einer stellt sich mir mit ‚Mjètaliist Futboll Hooligan‘ vor und zeigt dabei stolz auf sich selbst. Alle Achtung. Ich nicke dezent anerkennend. Einmal die Hand gereicht wird man die Jungs nicht mehr so leicht los.

Der Morgen wird heller, die Verständigung sinnentleerter und irgendwie sind ohnehin kaum noch Leute dar. Die Schwere eines langen, ereignisreichen Tages legt sich auf unsere Augenlider. Es gelingt uns dann auch, Hendrik von dem Vorhaben abzubringen, noch ‚auf die Party‘ zu gehen – ein hoffnungsloser Biergartenbereich mit noch 10 Versackten, die sich auf 300 Plastikstühle verteilen. Schließlich entscheiden wir ‚Bringt nix mehr!‘ und setzen uns ab.

 

Nach langer Nacht

Anruf bei Sascha morgens um 6. Unangenehm. Ich versuche es vorsichtig: ‚Where are you at and what are you up to?‘. Der gute Mann durchschaut die dumme Frage und entgegnet, es sei sechs Uhr morgens und er sei natürlich im Bett. Gut. Immerhin lehnen wir sein zögerliches Angebot ab, uns aufzulesen. Stattdessen schickt er uns seine Adresse per SMS und wir zeigen sie dem nächstbesten Taxifahrer.

Man kennt die Geschichte Herrchen und Hund. Oft beobachtet gleichen beide einander in ihrer Erscheinung. Wäre Herrchen selbst ein Hund geworden, er wäre exakt so ein Terrier wie Hasso hier.

uefa-euro-2012_111 Mit dem Taxifahrer und seinem Lada verhält es sich genauso. Die beiden kantigen Kraftpakete wirken wie aus einem Guss. Wir brettern durch die leere Stadt. Die frisch sommerliche Morgenluft des Fahrtwindes tut gut. Hendrik erzählt munter, aber unser Ladamann versteht absolut gar nix. Ist aber auch egal, weil wir uns in diesem Moment noch einmal in der Großartigkeit des spät zu Ende gehenden Tages sonnen. Bei Sascha angekommen verpufft dann auch die letzte Energie. ‚We had to celebrate!‘ weiß Hendrik zu entschuldigen und Sascha sieht es genauso. Er nimmt den unruhigen Morgen locker und dreht sich auch noch einmal um. Ich falle erschöpft in mein Balkon-Quartier. Gut zu liegen.

Der Schlaf kommt sehr kurz, aber wir rappeln uns ganz gut auf. Sascha fährt zu seinem Brautmodenladen und nimmt uns mit. Unsere Züge nach Kiew schon im Hinterkopf verplempern wir ambitionslos den Tag. Zur Enttäuschung wird die Suche nach dem Metalist-Fanshop. Er ist geschlossen, weil die UEFA die Räumlichkeiten belegt.

Irgendwie ist es oft so, wenn man ein paar Tage in einer fremden Stadt ist, dass sich diese Orte hervortun, an die man jeden Tag kommt. Selbst bei kurzen Aufenthalten entwickelt man manchmal Gewohnheiten. So schlendern wir auch heute wieder die Sumskaja Straße hinunter, bis wir schließlich unser Gepäck aus Saschas Laden holen. Dass der gute Mann bereits wieder unterwegs ist, passt irgendwie ins Bild. Für Sascha selbst war unser Aufenthalt kein großes Ding. Er hat einfach und ganz nebenbei sein Zuhause angeboten. Uns bleibt nichts anderes übrig als eine Dankesnachricht und den obligatorischen Eintracht-Schal zu hinterlassen.

 

Die Wege trennen sich

uefa-euro-2012_115 Am Bahnhof angekommen trennen sich unsere Wege. Arne, der das Turnier noch weiter bereisen wird, hat einen früheren Zug nach Kiew gebucht. Bevor es für uns beide weitergeht, vergreifen Hendrik und ich uns noch fies bei der Wahl eines Imbisses. Seltsam gefüllte Crêpe-haften Fladen – Aufessen absolut unmöglich.

Wir sind froh, als wir abends endlich in den Zug können. In dem gut abgenutzten Waggon mit großem Schlafwagenabteil beziehen wir unsere Betten. Eigentlich schwebt uns nur ein Gute-Nacht Bier vor, aber schnell gesellen sich noch zwei andere Deutsche zu uns in den Flurbereich vor dem WC.

Wir teilen allesamt die Auffassung, dass die Ukraine richtig Spaß gemacht hat. Eine Geschichte folgt auf die andere und die schönste hat Ben zu erzählen. Der junge Fan des SC Preußen Münster ist allein unterwegs, hat aber für jedes Spiel ein weiteres Ticket, weil sein Bruder erst kurz vor Turnierbeginn abgesprungen ist. Beim Spiel Deutschland gegen Portugal bot er die Karte auf der Straße an und fand einen Abnehmer aus Lviv, der seufzend die für ihn stattlichen 30€ zahlte. Ben gab ihm noch mit auf den Weg, dass man sich ja drinnen sähe, weil die Plätze nebeneinander seien. Als der Mann schließlich seinen Platz neben Ben einnahm hatte er gleich ein zweites Bier für diesen dabei. Ben holte die nächste Runde und die beiden feierten großartig. Der Ukrainer sang alles mit, auch wenn es auf Deutsch war und als Gomez schließlich traf, lagen sie sich in den Armen. Als der Ukrainer sich herzlich verabschiedete lies Ben ihn nicht ohne Souvenir gehen. Mit der Anmerkung ‚My friend, I need you here next week‘ drückte er ihm das freie Ticket für das Dänemark-Spiel in die Hand.

Seitdem, so Ben, habe er schon drei SMS von seinem neuen Freund bekommen. Der frage ungeduldig wann er wieder in Lviv einträfe, schließlich hätte er Ben schon in seiner Stammkneipe angekündigt. Ich bin mir sicher, die beiden werden noch ihren Spaß gehabt haben.

uefa-euro-2012_118 Sehr früh morgens kommen wir in Kiew an. Wir verabschieden uns von den anderen. Ben wünscht dem BTSV viel Spaß mit unserer Neuverpflichtung aus Münster, Björn Kluft.

Hendrik hat hier was klar gemacht. Wir haben fünf Stunden Zeit, bis wir am Busbahnhof sein müssen. Unser Spaziergang führt uns natürlich zum letzten, in unserer Sammlung noch fehlenden ukrainischen EM-Stadion. Das komplett umgebaute Olympia-Stadion ist Heimstätte der ukrainischen Nationalmannschaft und von Dynamo Kiew und auch der Austragungsort des Finales. Zumindest von außen haben wir es mal gesehen.

In den Straßen verlieren sich nur wenige Menschen. Es macht Spaß durch die aufwachende Stadt zu schlendern. Kiew präsentiert sich als eine Stadt von Größe. Boulevards und Gassen, Parks und Plätze – es ist eine sehr schöne Mischung. Der Fall liegt klar: Hier muss man nochmal hin. Zunächst aber müssen wir zum Busbahnhof. Da dieser an der Peripherie liegt, tauchen wir ab in die U-Bahn. Die Türen schließen sehr schnell und so kommt es, dass wir einander durch die Scheibe anschauen als der Zug abfährt. Hendrik draußen ich drin. Beim Umstieg finden wir uns wieder und gelangen schnell zur Busstation.

 

Härtetest zum Abschluss

Wir haben in der entbehrungsreiche Woche jegliche Zimperlichkeit abgelegt. Der letzte Reiseabschnitt erweist sich allerdings noch einmal als Härtetest. Mit dem Eurolines-Bus soll es in schlappen 28 Stunden von Kiew nach Braunschweig gehen.

uefa-euro-2012_122 Souverän sichern wir uns vorzeitig ab, dass wir zwei Plätze nebeneinander bekommen. Eindecken mit Snacks. 28 Stunden wird man schon irgendwie rumkriegen. Als wir schließlich unsere Plätze suchen, kommt es knüppeldick. Der Bus hat im zweiten Teil eine Vierergarnitur. Ich bin schon fast vorbei, als ich Hendriks niedergeschlagene Stimme hinter mir vernehme ‚Hier sind die Plätze‘. Ich drehe mich um zu zwei älteren Herren, die es sich in der Vierergarnitur so richtig schön bequem gemacht haben. Wir sitzen gegenüber. Ohne viel von der bereits vereinnahmten Beinfreiheit zurückzugeben, räumen Sie zumindest ihre Taschen beiseite.

Wir quetschen uns in die Sitze und blicken in die neugierig bis mitleidsvollen Blicke unserer Mitreisenden. Ich sage: ‚Ich glaub‘s nicht‘ – ‚Katastrophe‘ meint Hendrik. Hauptgewinn! Nicht nur haben wir 28 Stunden Busfahrt vor uns, wir sitzen auch noch gegen die Fahrtrichtung und starren den beiden Herren und einem Dutzend Gesichter dahinter entgegen. ‚Ich kann nicht einen ganzen Tag in diese Gesichter gucken‘ resigniert Hendrik. Aber es kommt noch dicker. Irgendwann eine Durchsage und alle rufen irgendwas. Es gibt einen Film und – wie sollte es auch sein – der Bildschirm ist genau über uns. Nun gehen auch die letzten Blicke in unsere Richtung. Immerhin verstehen wir nix von dem Getöse über unseren Ohren. Der Mann gegenüber freut sich in sichtlicher Zufriedenheit und lächelt die ganze Zeit den Film an. Ich stelle mich schlafend und nicke irgendwann tatsächlich ein.

Als ich aufwache kann ich es immer noch nicht glauben. Hendrik blickt auf die Uhr und weiß mich aufzumuntern: ‚Morgen um die Zeit sind wir fast da‘. Besten Dank. Immerhin: Es gibt am Nachmittag ein paar Stopps. Beine vertreten und eine Cola. Wir kommen mehr und mehr mit den Mitreisenden, anscheinend ausschließlich Ukrainer, in Kontakt und irgendwie ist es dann doch nicht mehr so schlimm. Wir haben so etwas wie einen Maskottchenstatus erlangt. Die Leute sind sehr nett. Man freut sich, dass uns unsere Tour so sehr gefallen hat. Auch unsere Erzählungen von Taras, Sascha und den Privatunterkünften mögen die Leute. Strapazen hin, Strapazen her – wir sind mittendrin.

An der Grenze hängen wir lange fest. Keiner weiß so recht warum. Nach drei Stunden geht es weiter. Nächste Station ‚Dresden‘. Dresden? Hat der Dresden gesagt? Aber jetzt ist alles egal. Es wird Nacht und die bringen wir ganz gut rum. Am nächsten Morgen sieht unsere Viererrunde ziemlich zerknautscht aus. Wir sind fast durch Polen durch und biegen tatsächlich in Richtung Görlitz ab. Das Programm hält also noch eine schöne Ehrenrunde über das Elbflorenz bereit, bevor es nach Berlin geht. Irgendwo in Brandenburg hält uns der Zoll an. Wir müssen alle aussteigen und so langsam werde ich ungeduldig. Berlin hilft. Die Hälfte der Leute steigt aus und wir haben endlich Platz. Auch finden hier zwei leckere Brötchen zu uns. Magdeburg ist dann fast schon egal und als wir von der A39 in die Salzdahlumer Straße einbiegen geht unsere EM zu Ende.

Zwei Tage später bin ich wieder in Berlin und sitze bei Tim auf dem Sofa. Deutschland spielt gegen Dänemark. Noch einmal in Lviv. Ich denke an Taras und Svietlana, an Ben, der wieder neben seinem ukrainischen Freund sitzt und an Arne, der weiter die Nationalmannschaft begleitet. Ich denke an die rauschenden Feste und die langen Reisen und an das blaugelbe Land, dass uns ein so guter Gastgeber war. Viel Land und vor allem viel Leute. fg

Wir haben Wort gehalten: Ein Jahr später gab es ein Wiedersehen mit Kiew.

 

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UEFA EURO 2012 – Ukraine Teil 1

 

Auftaktspiel in Lviv

 

 Deutschland – Portugal

09.06.2012, Vorrunde Gruppe B, Areny Lviv, Endstand 1:0

Zuschauer: 33.000

Tor: 1:0 Gomez (73.)

 

Erster Halt Krakau

Die EM beginnt beim Bäcker. Ein Radio-Spaßvogel vom RBB kräht durch den Verkaufsraum. Für diese frühe Stunde völlig überdreht, preist er die Verlosung des unschlagbaren EM-Sets bestehend aus Fußball-Stimmungshits-CD, Wimpelkette und Partygeschirr an. Gut, dass ich weg fahre.

Das erste Etappenziel meines Turniers ist Ludwigsfelde, südlich von Berlin an der A10 gelegen. Hier steige ich in den Wagen von Sven, der gemeinsam mit Buddy und Matze in Braunschweig gestartet ist. Unsere freudige Erwartung bewegt sich irgendwo zwischen Urlaubsreise und Auswärtsfahrt, als wir an Cottbus vorbei und auf die polnische Grenze zusteuern. Das erste Vorzeichen des Turniers, dass Europa in den kommenden Wochen auf die Beine bringen wird, ist die Begegnung mit einer holländischen PKW-Besatzung. Von beiden Enden des leeren Rastplatzes jubelt man sich zu und tatsächlich: Die Vorfreude fängt an zu kitzeln. Im ersten der beiden Gastgeberländer nimmt der EM-Verkehr spürbar zu. Wir passieren Breslau wo am Abend die Tschechen und Russen aufeinandertreffen. Immer mehr Fahrzeuge aus Tschechien gesellen sich zu denen mit polnischen oder deutschen Farben.

uefa-euro-2012_01 Unser zweites Zwischenziel Krakau ging leer aus, als die vier polnischen Austragungsorte benannt wurden. Gesegnet mit kulturellem Reichtum und baulicher Schönheit, fiel es Krakau nicht schwer, sich als ‚fünfte Stadt‘ zu erfinden und sein Stück vom EM-Kuchen zu sichern. In der Mitte der beiden Gastgeberländer gelegen, erweist sich Krakau als angenehmer Ausweichort – nah am Geschehen, aber etwas abseits vom ganz großen Trubel. Auch heute bekommen die malerischen Straßen  mehr unterschiedliche Trikots zu sehen, als es in den Austragungsorten selbst der Fall ist – Engländer und Iren, Holländer und Franzosen, Portugiesen und Deutsche – und natürlich Polen.

Wir stellen Svens Wagen ab. Vier Stunden Zeit verbleiben bis zur Weiterreise mit der Bahn. Schlendern durch die Stadt. Hier und da verhaltenes Gegröle. Eigentlich scheint alles friedlich, bis wir dann – glücklicherweise direkt auf dem Hauptplatz – von einer Gruppe Polen provoziert werden, die sich die von anderen Deutschen abgezogenen Fanutensilien um die Füße gebunden haben und demonstrativ darauf rumtrampeln. Wir gehen nicht darauf ein und zügig weiter. Erwähnenswert ist der Vorfall eigentlich nur, weil es die einzige negative Erfahrung bleiben sollte. Die darauffolgende Woche in der Ukraine verläuft für uns durchgehend friedlich und freundlich.

Friedlich ist es dann auch in der Gastwirtschaft, in der wir das Auftaktspiel der Polen gegen Griechenland schauen. Man heißt uns willkommen und das Bier vermag uns schnell zu entspannen. Nach unserem langen Anlauf ist die EM schlagartig in vollem Gange. Und wir sind mittendrin, als wir mit den Gastgebern dem verpassten Auftaktsieg nachtrauern.

uefa-euro-2012_06 Zum Auftaktspiel der deutschen Mannschaft bedarf es noch eines weiteren Reiseabschnitts. Der Nachtzug von Krakau ins ukrainische Lemberg ist gebucht und wir machen uns zügig auf den Weg zum Bahnhof. Auch dort zeigt sich, dass Krakau voll im Turnier steckt. Buntes Gewusel. Die Iren lassen einen Fußball kreisen und mir gelingen trotz Backpack zwei beachtliche Einlagen.

Der Bahnsteig ist die Schwelle zum Spiel Deutschland-Portugal. Hier vor dem Zug nach Lemberg, ukrainisch Lviv, bleiben nur noch Portugiesen und Deutsche übrig. Auch Arne und Marc, die bereits ab Braunschweig mit dem Zug unterwegs sind, stoßen zu uns.

Die vorfreudig aufgeregte Atmosphäre im nagelneuen Nachtzug erinnert an eine Klassenfahrt. Bereits vor der Abfahrt zeichnet sich ab, dass hier nicht viel Schlaf zu holen sein wird. Ein Plaudern mit den Friesen hier, ein Bier mit den Cottbussern da und irgendwann ist es zum Glück auch alle und zwingt uns in die Nachtruhe.

Kaum umgedreht geht die Tür auf und das Licht an, ‚PASSPORT‘ dröhnt es forsch durch die Kabine. Um die Geduld der uniformierten Dame ist es so bestellt, wie man es eben von jemandem erwarten kann, der 30 Kabinen voller betrunken schlafender Fußballfans kontrollieren soll. Die ‚Passport‘ – Nummer passiert gefühlt noch weitere 15 Mal, nur einmal unterbrochen von den Spürhunden. Aber: Irgendwann kann ich meinen Ausweis zeigen, ohne dabei aufzuwachen. Wenig erstaunlich ist angesichts dieses angeeigneten Schutzverhaltens, dass fast jeder unsere Ankunft verpennt. ‚Uuu-kra-ine! ertönt schließlich ein Schlachtruf auf dem Gang. Ich schrecke hoch und wecke Buddy und Matze – wir sind da.

 

Illustre Reisegruppe

Sammeln auf dem Bahnsteig. Die Braunschweiger Reisegruppe ist vollzählig. Allen steht das abrupte Ende des Schlafs ins Gesicht geschrieben – ich glaube am meisten mir. Der Zug rollt bereits wieder aus dem Gleis, als tatsächlich noch ein letzter im DFB-Trikot aus der Tür hinausspringt, immerhin den Reisepass brav in der Hand.

uefa-euro-2012_08 Lemberg erst mal trüb. Schwere graue Luft senkt sich über einen schwülen Morgen. Auf dem Weg durch den Bahnhof entdecken wir schon unseren Freund Hendrik. Er steht am Tresen und erfreut irgendwelche Hannoveraner mit seinen Geschichten. Der gute Mann hat die Nacht durchgemacht, um uns in Empfang zu nehmen. Zweifelsfrei ein feiner Zug, der aber – es deutet sich an – fitnessmäßig seinen Preis fordern wird. Stopp zunächst auf der Bahnhofstreppe. Osteuropa durch und durch. Wie gut es tut, an Orten zu sein, die so sehr anders sind. Kurz nach 6 und beachtliches Gewühl. Minibusse, schwere Straßenbahnen und eine einzelne, äußerst verheißungsvolle Straße in die Stadt.

Hendrik hat hier was klar gemacht. Wir fahren mit Taxis zu der Ferienwohnung seiner Mitfahrgelegenheit Florian. Dort können wir erst mal unser Gepäck loswerden und es gibt einen Wasserhahn. Wir schleichen uns auf Hendriks Geheiß in das Apartment, wo er selbst lautstark flüsternd und ausführlich erklärt, wir sollen doch bitte leise sein. Strategie anscheinend: Flo soll gefälligst aufwachen und hören, dass Hendrik sich aufrichtig darum bemüht, dass er nicht aufwacht. Ausgezeichnet.

Wir hängen draußen vor dem Haus rum. Klingt stumpf, aber genauso ist es. Die Leute fahren zur Arbeit und viele beäugen uns neugierig. Aus den vorbeirumpelnden Trams winkt man uns freudig zu. Lange wurde sicher darüber geredet, dass die EM in die Stadt kommt. Heute ist sie tatsächlich da. Für viele der Vorbeifahrenden dürften wir an diesem Morgen der erste Beweis sein. Und wir, mittlerweile zu siebt, strahlen die geballte Unentschlossenheit aus. Ziellos, wie man 14 Stunden vor Anpfiff eben ist. Aber klar. Es dauert nun mal auch bis alle da oben im Bad durch sind. Zur Freude aller gibt es gegenüber Gebäck und Getränke. Für uns erste Gehversuche in Landesprache und Landeswährung.

uefa-euro-2012_10 Also auf in die Innenstadt. Eine kleine Schleife zum Rathausplatz. Lemberg macht es einem leicht, sich wohl zu fühlen. Unsere Bar-Plätze am Rathaus weisen einen hohen Entspannungswert auf. Die lokalen und überregionalen Bierspezialitäten werden getestet, aber ich halte mich aus der Sache raus. Weit entfernt ist der Spielbeginn. Außerdem will mir diese Email von Hendrik in Bezug auf unseren Übernachtungsgastgeber Taras nicht aus dem Kopf…

‚Trinkt auf der Hinfahrt nicht zu viel, nicht das Taras (und der hat Frau und Kind!) uns nicht wieder reinlässt!‘

Recht hat der Mann. Hier ist Zurückhaltung angebracht, um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Soweit die Theorie. Leider präsentiert sich Hendrik selbst nur noch bedingt in Topform. 20 Stunden des Feierns haben deutliche Spuren hinterlassen. Ein Grund mehr für mich, es langsamer anzugehen. Arne, Hendrik und ich verabschieden uns aus der Runde und holen unser Gepäck ab.

Gang durch die Straßen. Hendrik, der irgendwo eine Tröte her hat, trötet uns den Weg frei. Wir schaffen es dennoch unbehelligt zurück zum Platz und lassen uns von den freiwilligen Helfern ein Taxi bestellen. Nett: Eine junge Dame bringt uns sogar zu der Stelle wo das Taxi wartet und klärt den Preis ab. Der Fahrtwind tut gut und überhaupt ist es gut, dass Bewegung in den Nachmittag kommt. Lemberg zeigt schöne Seiten, aber auch, dass es nicht überall nur malerisch ist. Unsere Fahrt führt in einen Randbezirk sozialistischer Prägung.

 

Gastfreundschaft

Hendrik hat hier was klar gemacht. Über eine Webseite haben sich Ukrainer formiert, denen die Hotelpreise während der EM zu abstrus wurden. Kurzerhand boten sie also selbst ihre Gastfreundschaft an. So auch Taras und Svietlana hier in Lemberg, die sich einfach dachten: Wenn Europa schon in unserer Stadt zu Gast ist, dann bitte auch bei uns zuhause. Mindestens ein Drittel dieses Europas ist ernsthaft betrunken, als wir an diesem Nachmittag die Treppen hinauf ins achte Stockwerk steigen. Oben angekommen finden wir direkt neben der Wohnungstür dann auch den Aufzug. Wir hatten den Sozialismus wohl unterschätzt.

Die Verständigung mit unseren Gastgebern ist noch etwas wackelig, aber es stellt sich schnell eine Sympathie ein. Wir haben die besten Gastgeber der Welt und es macht richtig Spaß in ihren vier Wänden. Allen Befürchtungen zum Trotz, findet auch Hendrik noch einmal die zweite Luft und schlägt sich beachtlich gut. Sein Englisch sprudelt flüssig aus ihm heraus, auch wenn es inhaltlich ein ums andere Mal ins Leere führt: ‚We have a guilty ticket‘.

uefa-euro-2012_17 Für Taras haben wir eine weitere Karte für das Portugal Spiel. Svietlana streichelt ihm, der sich eben still freut, über die Schulter, wie es jemand tut, der weiß was es dem anderen bedeutet. Auch der Eintracht Braunschweig Schal, praktischerweise in den ukrainischen Landesfarben, darf als Gastgeschenk nicht fehlen.

Svietlana macht Essen und Mojitos für uns, dann geht es endlich los. Taras zieht zur Feier des Tages noch ein weißes Trikot an und wir nehmen einen Bus zum Stadion. Die Kleinbusse halten hier im Minutentakt und immer wieder winkt man uns entgegen. Wir sind willkommen.

Die Busfahrt zieht sich, denn auch Lviv hat leider sein neues Stadion an der Peripherie gebaut. Aber ein Kiosk reicht ja bekanntlich und der ist schnell gefunden. Das Wegbier ist gesichert. Es geht sehr ruhig zu hier, verglichen mit dem Gewimmel, dass man aus der Rheingoldstraße gewohnt ist. So richtig EM ist das noch nicht, eher so wie man sich Olympia vorstellt.

 

Unser Auftaktspiel

Drinnen. Das Stadion selbst weiß zu gefallen. Die 34.000 Besucher geben verteilt auf zwei Decks einen angenehm kompakten Kessel. Für den hiesigen Club ‚Karpaty Lviv‘ ist es leider zu groß und auch die unliebsame Randlage trägt dazu bei, dass man meist das alte Stadion vorzieht. Hendrik und Taras sitzen woanders als Arne und ich sitze nochmal woanders. Eigentlich sollte ich drinnen wieder auf Sven und die anderen treffen, aber irgendwie geht das nicht auf. Ist aber nicht schlimm, denn schnell wird klar, dass es hier und heute nicht auf gute Gesprächspartner ankommt.

Ich bin hinter dem Tor im Deutschland-Block und es überrascht mich, wie gut es hier zur Sache geht. Es wird weitgehend gestanden und der Anteil an Mitsingenden ist enorm hoch. Von wie vielen das ‚Mexico‘ getragen wird, zeugt davon, dass hier eher wenig Larifari angereist ist. Diese Einschätzung teilen im weiteren Verlauf der Reise auch viele, die bereits die ‚Kaffeefahrt-EM 2008‘ in Österreich und der Schweiz besucht hatten. Für die Ukraine gingen eben doch weniger Tickets über Reiseveranstalter und Geschäftsbeziehungen an den Mann. Den Rest hat die negative Presse besorgt. Übrig bleibt, was man wohl als ‘harten Kern’ bezeichnen kann.

uefa-euro-2012_21 Hier und heute brummt es also ganz gut und in der zweiten Halbzeit legen wir noch eine Schippe drauf. Ein über zehn Minuten andauernder Gesang wird erst unterbrochen als Mario Gomez vor unserer Kurve einnetzt. Ein Moment für den sich die ganze Anreise schon gelohnt hat.

Alle Jahre wieder habe ich die Deutschland-Spiele irgendwo vor dem Fernseher erlebt. Heute einmal wieder selbst dabei zu sein, fühlt sich schon sehr gelöst an. Schön ist, dass wir es nach dem Spiel dann doch noch schaffen, unsere Reisgruppe komplett zusammenzubringen.

Während es für die anderen Vier bis zum Viertelfinale erst einmal wieder zurück nach Braunschweig geht, führt die Reise für Arne, Hendrik und mich weiter durch die Ukraine. Bei einem letzten Bier und dem Abschied wirkt es dann fast schon seltsam, dass ich die Hälfte der Jungs vor zwei Tagen noch gar nicht kannte. Erlebnisse verbinden eben. Wir Zurückbleibenden entschließen uns auch, den langen Tag ruhiger ausklingen zu lassen und kehren in Taras‘ Wohnung zurück.

 

Sehenswertes

Morgens auf Taras Balkon. Frische Luft und nach zwei erlebnisreichen Tagen einmal Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Am Geländer lehnen und den Blick schweifen lassen, staunend wo einen das Leben wieder hin verschlagen hat. Ich könnte den ganzen Tag hier stehen bleiben, um halbherzig das Ein- und Aussteigen bei den gefühlten 30 Buslinien zu verfolgen. Dieser Ort hat den Charme der Echtheit, wie man Ihn in solchen Stadtteilen spüren kann, die sich keine Fragen stellen. Er ist direkt und weitgehend frei von Abbildern und Inszenierung. Einzig der fern sichtbare Horizont, Unbekanntes verheißend, löst einen wieder von diesem Ort und erinnert an das unbekannte Land dahinter, dass es in den kommenden Tagen zu entdecken gilt.

Wir freuen uns, dass wir heute fußballfrei und etwas Zeit für die Stadt haben. Svietlanas Schwester passt auf den Kleinen auf, so dass sie und Taras uns ihre Stadt zeigen können. Nachdem wir mit der Hilfe der Beiden Arnes Reservierungen in Zugtickets umgetauscht haben, fahren wir an den Fuß des Burgberges und steigen über den weitreichenden Dächern der Stadt empor. Die Aussicht ist toll und wir wundern uns warum wir den Berg noch nicht von unten aus der Stadt wahrgenommen haben. Die auch von hier erkennbare Enge der Altstadtgassen scheint ein Grund dafür zu sein. Selten hatten wir dort unten eine weite Sicht.

uefa-euro-2012_26 Weiter spazieren wir durch das hügelige Waldgebiet, das sich hier inmitten der Stadt behauptet hat. Der Tag ist wirklich sehr entspannend. Etwas weiter gelangen wir zu einer als Museum zusammengefassten Siedlung mit historischen Gebäuden karpatischen Stils. Unsere Gastgeber ärgern sich über den heute sehr hohen Eintrittspreis, aber wir besuchen das Dorf dennoch. Hier ergibt sich dann sogar Gelegenheit, Eis aus der ‚Limo‘ Fabrik zu probieren, in der Taras täglich acht Stunden bei -28°C arbeitet. Leider drängt am Nachmittag schon wieder die Zeit. Den Zug im Hinterkopf müssen wir den so angenehm ruhigen Tag dann doch noch einmal beschleunigen.

Gern wären wir länger in dieser beschaulichen Stadt mit ihren netten Menschen geblieben. Aber der Osten des Landes lockt und drängt zur Weiterreise. Wir decken uns mit Proviant ein und steuern wieder den Bahnhof an. Weit entfernt scheint die Erinnerung an den blitzblanken neuen Nachtzug aus Krakau, als wir auf dem Bahnsteig vor den schweren stählernen Riesen stehen. Die Reise verspricht interessant zu werden. Erneut ein Abschied. Erneut Menschen, die wir erst seit gut 24 Stunden kennen. Wieder fühlt es sich anders an – als hätte man Freunde besucht, die man lange nicht gesehen hat. So empfinde ich auch mein ‚See you soon‘ zum Abschied nicht als geheuchelt. ‚Next time we’ll go fishing in the Carpathians‘ sagt Taras. Hendrik hält mit ‘Next time we’ll meet in Brunswick’ dagegen, aber wir wissen, wie schwer das für die Beiden zu stemmen wäre.

Dennoch: Lemberg hat seinen Platz auf unserer Weltkarte gefunden. Ein schöner Ort mit von Grund auf freundlichen Menschen von denen zwei ihre Tür für uns offen halten. fg

Weiter geht die Reise mit Teil 2.

 

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Dublin (IRL)

 

 Irland – Deutschland  

13.10.2007, EM-Qualifikation, Croke Park, Endstand: 0:0

Städtereise nach Dublin

Dublin Bei diesem Trip wurde erstmals eine Reise gezielt um ein Fußballspiel geplant, knapp eine Woche sollte sie dauern. Passende Flüge, günstige Hostels, Ausflüge, alles per Internet vorab recherchiert, der Technik sei Dank. Leider war kein passendes Hostel für die Nacht nach dem Länderspiel zu finden, so beschlossen wir kurzerhand, die Nacht einfach durchzumachen. Über einen Bekannten aus Bremen hatte jemand diverse Karten für das oben erwähnte Spielchen bekommen, und Irland, nun ja, ist immer eine Reise wert.

Der Hinflug verlief ruhig, und das Hostel war schnell gefunden. Aaah, Urlaub. Erstmal Dublin erkunden. Für mich eine Großstadt mit optimalen Ausmaßen weil nicht zu weitläufig, denn auch zu Fuß kann man hier viele Orte erreichen. Es gibt aber auch die guten alten Doppeldeckerbusse und eine CityBahn, auf irisch Luas (Geschwindigkeit) genannt. The Spire, ein riesiger Metallstachel, diverse Museen (viele kostenfrei), natürlich die Guinness Brauerei, das Oscar Wilde-Memorial und die Old Jameson Distillerie standen unter anderem auf unserem Wegeplan, hier gibt es ganz gute Infos zu Dublin und seinen Sehenswürdigkeiten.

Einen Tagesausflug machten wir an die Küste nach Howth, nicht per DART (S-Bahn), sondern per good ol´ doubledecker, und zwar oben, ganz vorne. Etwas wandern, ein kühles Getränk im Hafenpub genießen, lecker Essen gehen – das hatte Stil. Zurück nahmen wir den DART, wegen der Zeitersparnis. Im Hostel hatten wir nun schon auch Bekanntschaften geschlossen, sodass nicht jeden Abend ein Pub (oft mit Live-Musik, wer Folk mag) oder ähnliches herhalten musste.

Dann nahte der Abend des Spiels. Wir spazierten mittags locker los Richtung Innenstadt, um das Spektakel dort zu erleben. Hier war die City ordentlich gefüllt, überwiegend mit deutschen Fans. Irgendwann setzte die große Wanderung ein, also machten wir uns auch auf zum Stadion und bekamen dabei auch eine der unschönsten Gegenden der Hauptstadt zu Gesicht. Vororte sind ja meist etwas unschicker, aber dieses Viertel kurz vor dem Stadion hätte eine prima Kulisse für wilde Hooliganschlachten hergegeben. Arbeitersiedlung, Müll auf den Straßen, Typen mit komischen Hunden an der Leine… Direkt um den Croke Park sah es aber wieder kleinbürgerlicher aus. Hier waren schon viele Deutsche unterwegs und feierten im Pub oder auf der Straße. Strikte Fantrennung gab es keine.
Dublin

Das Spiel selbst begann vor 67.500 Fans, die nun überwiegend irisch waren und eine tolle Stimmung kreierten. Leider gab es nur ein maues 0:0 zu sehen, bei dem sich die Gäste auch nicht sonderlich reinhängten. Höhepunkt waren da die Furzattacken eines Frankfurters, der irgendwann einen 10m-Durchmesser-Kreis für sich alleine hatte und die Flucht der umstehend lapidar kommentierte: “Das irische Bier verträgt halt nicht jeder…”. Für die Iren war es jedenfalls ein guter Endstand, das taten sie auch lautstark kund. Der Abmarsch erfolgte wiederum gemeinsam, und es wurden vereinzelt länderübergreifende Gespräche geführt. Aber als sich ein klarer deutscher Anbiederungsversuch durch den Chant “We hate England more than you” abzeichnete, wurde der aus der irischen Menge mit mehreren einzelnen “No, you don’t!”-Rufen eiskalt abgeschmettert.

Nun begann die härteste Zeit. Bis zur Sperrstunde war ja alles kein Problem, aber danach wurde es nicht nur einsam um uns sondern auch kalt. So schlenderten wir quer durch Dublin, setzen uns mal ans Wasser auf eine Bank, gingen wieder ein Stück, usw. Es war sehr interessant, wir sahen Ecken die man so wohl sonst nicht sieht und hatten irgendwie das Gefühl, die Stadt gehört uns. Irgendwann wurde es dann auch morgen und wir konnten in unser Hostel einchecken. Da wir wohl so erbärmlich aussahen, durften wir in einem Hinterflur, wo ein paar Matratzenstapel und Sofas waren, noch etwas ruhen, bis das Zimmer fertig war.

Dann war die Woche auch vorbei, und der Rückflug stand an. Wir verließen eine tolle Stadt, und hoffentlich können noch tollere Fotos der Mitreisenden aufgetrieben werden.

Dublin

 

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