- Riga, Tallinn, Manchester, Penzance, Scilly Inseln

 

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/5/51/LatvianFF.png Lettland – Island http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/a/a5/Iceland_FA.png

10.10.2014, EM-Qualifikation, Skonto Stadion, Endstand: 0:3

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/0/01/KalevTallinn.png JK Tallinna Kalev III – Tallinna JK Piraaja http://gmkfreelogos.com/logos/J/img/JK_Piraaja_Tallinn.gif

12.10.2014, Liiga III.N, Kunstrasenplatz des Kalev Stadions, Endstand: 1:2

Spotlight: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/0/08/FCFlora.png Flora Tallinn & Bild in Originalgröße anzeigen Nationalelf Estland

12.10.2014, A. Le Coq Arena

Bild in Originalgröße anzeigen United of Manchester FC – Skelmersdale United FC Bild in Originalgröße anzeigen

14.10.2014, Northern Premier League: First Division, Bower Fold, Endstand: 1:2

Spotlight: Bild in Originalgröße anzeigen AFC Penzance

16.10.2014, Penlee Park

Woolpack Wanderers – Garrison Gunners

19.10.2014, Isles of Scilly Football League, Garrison Field, Endstand: 0:4

 

1. Abschnitt: Braunschweig – Bremen – Riga

Riga 09.10.2014: Die Wetterprognose las sich ja nicht so gut, daher waren wir schon froh, dass es wenigstens trocken war als der Flieger in Riga aufsetzte. Riga – größte Stadt des Baltikums mit bewegter Geschichte, Geburtsstadt u.a. von Heinz Erhardt und Rosa von Praunheim – und nun kamen wir. Der Bustransfer in die Innenstadt klappte reibungslos, ebenso der Check-in im Central Hostel. Genug gesessen hatten alle bereits, daher stürzten wir uns sogleich in das rege Treiben der City. Bemerkenswert waren hier die Menge der trotz der vielen Kriege und Besatzungen erhaltenen bzw. restaurierten Altbauten und die teils üppigen Parkanlagen. Natürlich nimmt die Pracht deutlich ab, je weiter man sich vom Zentrum entfernt, aber das ist ja beinahe überall so. Zunächst wurden Karten für das Länderspiel Lettland – Island gesichert, denn so ein Desaster wie Estland – England in drei Tagen, wo wir keine Tickets bekommen konnten, sollte uns nicht nochmal passieren. Danach konnten wir befreit aufspielen, äh, weiter die Stadt erkunden.

Zum Abendessen fiel die Entscheidung für das Lido am Domplatz. Hier gibt es in rustikaler Atmosphäre ein laufendes warmes und kaltes Buffet mit einigen heimischen Speisen zum annehmbaren Preis, und gerade das Hausbier ist eine unbedingte Empfehlung. Das Nachtleben hält viele Möglichkeiten bereit, davon aber viel 08/15. Nach einigem Suchen gelang es uns aber, mit Omas Briljants einen interessanten Laden zu finden, wo der Tag angenehm ausklingen konnte.

Riga 10.10.2014: Das kontinentale Frühstück entpuppte sich als normal in der Qualität, aber überdurchschnittlich in der Quantität und sorgte so für einen guten Start in den zweiten Tag. Nachdem wir uns die Innenstadt schon quasi selbst erwandert hatten, stand heute eine etwas andere Stadtführung auf dem Programm. Yellow Free Tours ist ein Jugendprojekt, das Gratisführungen durch einige Städte Nord- und Ost-Europas anbietet, unter anderem eben auch in Riga. Bewusst werden hier die typischen Touri-Punkte ignoriert und das Augenmerk auf Sehens- und Wissenswertes drumherum gelegt, gerade auch das Alltägliche. Unsere Tour dauerte zu Fuß knapp 2,5 Stunden und war sehr interessant, man hatte das Gefühl, ein wenig hinter die Fassade der Stadt gesehen zu haben. Da der Fremdenführer davon lebt, sollte man ihm am Ende der Tour ein Trinkgeld zukommen lassen.

Nach einer kurzen Stärkung mit Pelmeni (Teigtaschen mit Fleischfüllung) bzw. Wareniki (mit fleischloser Füllung), jeweils mit einem Schlag Schmand serviert, nahmen wir am Hostel unseren Mann aus derzeit Tallinn in Empfang. Dies zog sich etwas, weil sein estnischer Leihwagen zum Umparken auf den Hostelparkplatz nicht mehr anspringen wollte und wir auf den lettischen ADAC, den LAMB (Latvijas AutoMoto Biedrība) Autoklubs warten mussten. Dieser spielte schließlich Steckroulette mit den Sicherungen und die Karre lief wieder.

Riga Auf dem Weg zum Skonto-Stadion trafen wir in einer Bar noch auf einen Bekannten unserer mitreisenden Riga-Expertin, der als Engländer in Riga lebt und viel Herzblut in den Riga United FC investiert. Selbst noch Spieler bei den Herren trainiert er aber auch die vielversprechende Damenmannschaft, in der zufälligerweise auch zwei deutsche Studentinnen kicken und die ebenfalls zum Länderspiel wollte – so gab es noch ein kurzes Meet and Greet. Am Stadion war dann gemessen an der nachrangigen Popularität des Fußballs in Lettland doch einiges los. Verpflegung gab es aus großen Pfannen, die man hier nur vom Weihnachtsmarkt o.ä. kennt: Schaschlik, Kartoffeln, Sauerkraut und Würste. Und natürlich Knoblauchbrot, ein im Baltikum verbreiteter Snack – meist Schwarzbrot wird mit Knoblauch in Öl geröstet und dann warm oder kalt genossen.

Riga

Die erste Hälfte verlief torlos, wobei sich die Gäste aktiver präsentierten, jedoch zunächst ohne Durchschlagskraft. Erst nach dem Platzverweis für den aus der Bundesliga bekannten Rudnevs in der 55. Minute klingelte es dann 11 Minuten später auch verdient für die Isländer durch Sigurdsson. Weitere 11 Minuten später, also in der 77., stand dann auch fest, dass es für die Gastgeber sehr schwer würde, noch zu einem Punkterfolg zu kommen, denn das 0:2 durch Gunnarsson war die klare Vorentscheidung. Der in der 87. Minute eingewechselte Gislason machte dann kurz vor Ende der Partie mit einem etwas glücklichen Abschluss zum 0:3 endgültig den Deckel drauf, zu dem Zeitpunkt waren aber schon viele Zuschauer gegangen. Für uns rundete ein Absacker in der Bar Leningrad mit einerseits sprödem sowjetischen Charme und aber doch auch kreativen Dekorationselementen den Riga-Besuch insgesamt ab.

Links

Riga (Wikipedia)
Omas Briljants
Riga United FC
Unser Video zum Spiel

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2. Abschnitt: Riga - Pärnu - Tallinn

Pärnu 11.10.2014: Nach Check-out wurden noch schnell letzte Einkäufe getätigt, vor allem der beliebte wie gefürchtete Rigaer Balzams musste noch mit, ein dunkler Likör der angeblich bereits Katharina die Große gesund gemacht haben soll. Als die mehrstündige Fahrt nach Tallinn startete sahen wir, dass die umgesteckte Sicherung zum Licht vorn rechts gehörte, zumindest ging´s nicht, dafür lief der Wagen. An der Strecke gibt es recht viel Wald, obwohl es lange am Golf von Riga entlanggeht. An zwei Parkplätzen der A1 aber kann man direkt aus dem Auto an den Strand, das war richtig schön, zumal nun auch endlich mal die Sonne schien. Hier verweilten wir gerne einige Zeit, bevor es nach Pärnu weiterging.

Pärnu Das estnische Pärnu liegt ebenfalls direkt an der Strecke Riga – Tallinn und ist seit langer Zeit ein Bade- und Kurort, was angesichts eines kilometerlangen Sandstrandes nicht verwundert. Dieser spiegelte uns gegenüber aber gnadenlos die Tristesse einer beendeten Saison wider – verwaiste Bänke, Beach Soccer Tore und Volleyballnetze, still gemustert lediglich von einer Handvoll Kur- oder Klinikpatienten. Das Warnschild, dass am Strand Rauchen verboten ist, scheint aber immer noch ernst gemeint zu sein. Diese Eindrücke stehen in krassem Gegensatz zur Beschreibung des Ortes bei visitestonia.com… Bei einem Rundgang durch den Ortskern fanden wir trotz der kompletten Zerstörung während des letzten Weltkriegs immerhin ein paar schöne Häuser, überraschende Mengen an Kunst an Wänden und Türen und in einer Art Sitzbierkiosk auch einen kleinen Snack. Um nicht doch noch böse Überraschungen wegen des ausgefallenen Scheinwerfers zu erleben mussten wir dann auch weiter und waren innerlich froh, dass der Wagen wieder problemlos ansprang und uns noch in der Abendsonne zum Autoverleih am Stadtrand von Tallinn brachte.

Pärnu Gespeist wurde zünftig und lecker im Kochi Ait, einer mittelalterlichen Taverne/Brauhaus am Fährhafen, in einem der alten Speichergebäude gelegen und umgeben von zahlreichen Alkoholläden für die Alko-Touristen aus Finnland und Restskandinavien, die in regelmäßigen Abständen das Hafenviertel fluten und wegschaffen was geht. Bei einem ersten kleinen Stadtrundgang erhielten wir neben einer groben Orientierung auch einen Eindruck wie es ist, wenn Horden englischer Fans die Innenstadt bevölkern. Sieht schon mächtig aus, wenn ein Trupp von etwa 100 Lads durch die enge Fußgängerzone zieht und aus den Bars und Seitenstraßen immer weitere dazustoßen. Es blieb aber friedlich, soweit wir das mitbekamen.

Links

Pärnu (Wikipedia)
Pärnu (visitestonia.com)
Kochi Ait Tavern, Tallinn
Rigas Melnais Balzams (Wikipedia)

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3. Abschnitt: Tallinn

Tallinn 12.10.2014: Zum Glück hat die Natur uns gute Füße gegeben, denn an diesem Tag spazierten wir erst am Wasser entlang zum Stadtbezirk Kadrioru, in dem es einen riesigen Park mit dem Schloss Kadriorg nebst dazugehörigem Schlossgarten mit Brunnen, Schwanenteich, usw. gibt. Im Sommer sicherlich eine Pracht. Gleich daneben befindet sich die Heimstätte von Levadia Tallinn, das Kadrioru Staadion. Dieses war leider nicht zugänglich, sodass ein paar Schnappschüsse von hinterm Zaun reichen mussten. Es ist immer wieder interessant auch Randbezirke einer Stadt zu sehen, wo eben nicht alles geschniegelt ist sondern der zum Teil auch einfache Alltag erfahrbar wird: die Wäsche auf dem Balkon, Gartenarbeit, Heimwerken in der Garage, ein Plausch beim Bäckercafé im Keller des Eckhauses, usw. Durch solche führte unser Weg zum Kalevi Keskstaadion, auf dessen Kunstrasennebenplatz um 14 Uhr das Spiel von Tallinna Kalev III gegen Tallinna JK Piraaja stattfand. Mit uns waren es zwei Handvoll Zuschauer, einige nutzten offenbar die Zeit, um sich schon auf das abendliche EM-Quali-Spiel Estland-England einzustimmen, einer machte eine Pause beim Rundgang mit dem Hund.

Tallinn Insgesamt war es eine faire Partie, in der beide Teams den Fußball eher arbeiteten als spielten. Kalev ging in der 29. Minute in Führung und nahm das 1:0 auch mit in die Kabine, musste sich in der 57. aber den aufkommenden Piranhas beugen und den Ausgleich hinnehmen. Dieser wurde von einigen “sogenannten Fans” mit dem abbrennen dreier Bengalos gefeiert, was für allgemeine Erheiterung zumindest auf den Holzbänken der Tribüne sorgte, trotz des “No smoking”-Schildes direkt daneben. Piraaja drückte nun auf den Siegtreffer und erzielte ihn auch prompt in der 66., danach mühten sich die Gastgeber vergeblich, noch den nicht unverdienten Punkt zu retten, vergaben jedoch gute Chancen, hätten aber auch noch das 1:3 kassieren können. Gegen den Tabellenführer zu verlieren ist aber beileibe in Ordnung.

Tallinn Im Anschluss spazierten wir auf Verdacht weiter zur A. Le Coq Arena, wo besagtes Länderspiel ausgetragen werden sollte. Nachdem wir im freien Vorverkauf leer ausgegangen waren, ruhten unsere Hoffnungen auf den oft auffällig-unauffälligen Herren, die gerne mal die eine oder andere Karte übrig haben. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass außer uns noch sehr viele andere Menschen Eintritt begehrten, aber scheinbar niemand Tickets im Angebot hatte, weswegen die Vernunft gebot, rechtzeitig die Innenstadt aufzusuchen um das Spiel in einem Irish Pub, der natürlich von Engländern bevölkert war, zu sehen. Nach dem etwas schmeichelhaften 0:1 trafen wir uns nochmal mit Justin und einigen seiner Freunde, darunter auch Angelo, der zufälligerweise mit Fussballkultour über Twitter verbunden ist – die Welt ist einfach mal wieder klein.

Tallinn 13.10.2014: Da unser Gastgeber heute wieder arbeiten musste, zogen wir nochmal gründlich durch die Alt- und Innenstadt Tallinns, aber erst führte der Weg zur alten Seefestung und dem Seeflughafen. Die Festung, die auch mal als Gefängnis genutzt wurde, war schon geschlossen und sozusagen im Winterschlaf, aber den Seeflughafen konnte man betreten. Ausrangierte Militär- und Nutzfahrzeuge, Dampfer und Marineschiffe im Ruhestand, alte Kanonen und die Hangare mit Flakgeschützen auf dem Dach und das estnische Meeresmuseum warten hier auf die Besucher. Höhepunkt war jedoch das erste estnische U-Boot aus Holz, das von 4 Mann betrieben wurde. Zwei drehten das Antriebsrad, einer lenkte und einer pumpte das üppig eindringende Wasser ab und hantierte mit der Bewaffnung. Leider konnte sich der Prototyp nicht durchsetzen.

Tallinn

Über die Dicke Margarethe, eine Wehranlage mit wirklich dicken Mauern, gelangten wir dann in die Innenstadt, die sehr viele mittelalterliche Elemente aufweist und landeten schließlich wieder in der Oberstadt, um den Ausblick nochmal bei Tag zu genießen. Zum Abschluss wurde im Masha gegessen, einem russischen Restaurant das ein wenig an eine Puppenstube erinnert aber gutes Essen serviert. Das kleine Bier umfasst hier übrigens 0,4 l, das mittlere 0,7 und das große 1 Liter. Auf die Bemerkung, das sei aber wirklich groß sagte die Bedienung nur lapidar: “You are in a russian restaurant, what do you expect?” Klang logisch.

Links

Tallinn (Wikipedia)
Kadriorg (Wikipedia)
FC Levadia Tallinn
JK Tallinna Kalev
Tallinna JK Piraaja
Restoran Masha

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4. Abschnitt: Tallinn – Bremen - Manchester

Tallinn 14.10.2014: Beim Abflug Richtung Bremen hingen die Wolken tief über Tallinn, sodass die Funkturmspitze aus der grauen Watte herausragte. Übrigens befinden sich Riga und Tallinn in einer anderen Zeitzone, was heißt dass man bei Hinreise eine Stunde verliert, weil es dort später ist als bei uns – entsprechend wurde dieser Tag mit der Landung in Bremen schonmal um eine Stunde länger. In schönstem Sonnenschein nahmen wir noch einen Scheidebecher und dann hieß es Abschied nehmen: Aus drei wurde einer, zwei reisten zurück nach Braunschweig.

Bald darauf jedoch wurde aus einem zwei, die bis zur Landung in Manchester Zeit hatten sich schon mal grob kennenzulernen, denn die einzige Verbindung war bis dato mein Fußballreisefreund aus Hamburg, der wartete aber bereits in Manchester, da er, umtriebig wie immer, schon einige Tage im Mutterland des Fußballs unterwegs war. Mit Aufsetzen der Räder musste eine weitere Stunde von der Uhr genommen werden, was bedeutete dass ich den längsten Tag meines bisherigen Lebens genießen konnte, dessen Höhepunkt die Flutlichtpartie des FC United of Manchester gegen Skelmersdale United darstellte. Daher musste zunächst der Check-in im Hotel unter Zeitdruck erfolgen, was angesichts der Gelassenheit des Angestellten (“Give me a minute”, “Just a second”) schwierig war. Dennoch erreichten wir den Zug nach Stalybridge, von wo aus es dann mit dem Bus weiterging. Da wir Touris natürlich nur größere Scheine frisch vom Automaten dabei hatten, mussten wir die 1,10 GBP Fahrgeld nicht bezahlen – nett.

Manchester

Rechtzeitig erreichten wir zusammen mit 1840 anderen Zahlenden Bower Fold, das Stadion des Stalybridge Celtic FC, wo der FC UoM netterweise seine Heimspiele austragen kann, denn noch fehlt es an einem eigenen Stadion. Dieses ist allerdings im Bau und sollte eigentlich schon Ende September 2014 übergeben werden, aber das wird sich wohl noch hinziehen. Diesmal gab es statt eines Burgers einen “pie with peas and gravy”, also ein mit Fleisch oder Kartoffel gefülltes Törtchen mit Erbsen und brauner Soße, ein traditionelles englisches Stadionessen. Auch Bovril wurde wieder gereicht, dafür war es mir aber noch nicht kalt genug…

Manchester Der Gast und Tabellenprimus begann druckvoll und konnte durch einen Stellungsfehler nach Eckball in Minute 16 zur Führung einnetzen. Danach kämpfte sich Manchester in die Partie und kam seinerseits zu guten Möglichkeiten, unterstützt von Gesängen von zwei Tribünen, die leider gelegentlich gegeneinander zu singen schienen. In der 35. Spielminute gelang dann der mittlerweile verdiente Ausgleich nach cleverem Ausnutzen eines Abwehrfehlers, und bis zur Pause blieb man eigentlich am Drücker. Nachdem neben den Teams auch die Fans die Seiten bzw. Hintertortribünen gewechselt hatten, um wieder hinter dem Kasten des Gästekeepers zu stehen, verflachte der zweite Durchgang zunächst etwas.

Das galt allerdings nicht für die Gesänge, da wurde einiges rausgehauen. Das durch Youtube (“Buxton away”) bekannte Sloop John B, im Original von den Beach Boys, einige andere abgewandelte Hits und Evergreens und nicht zuletzt auch die ein- oder andere Zeile gegen den hier wenig beliebten Milliardär Malcolm Glazer. Der hatte sich den Alleinbesitz Manchester Uniteds einigermaßen kapitalistisch ergaunert und so erst die Entstehung des FC UoM ausgelöst, da viele Fans keine Lust hatten, Spiele eines Milliardärsclubs zu besuchen – soweit eine grobe Version der Geschichte. Glazer verstarb allerdings im Mai 2014, hatte seinen 6 Kindern aber wohl vorher den Club übertragen.

Manchester Die Stimmung muss sich auch auf den Rasen übertragen haben, denn auf einmal waren die Hausherren deutlich näher am 2:1 als “Skem”. Nachdem aber auch die tausendprozentige Großchance zum Siegtreffer kläglich vergeben wurde, schlug das Phrasendrescher-Schicksal unbarmherzig zu: “Wenn man die Dinger vorne nicht macht…”. Als alles eigentlich nur noch auf den Schlusspfiff wartete, nutzte Skelmersdale einen weiteren Stellungsfehler in Manchesters Hintermannschaft zum schmeichelhaften Siegtreffer und nichts war´s mit einem Punktgewinn der Reds. Zur Analyse kehrten wir in den Pub direkt an der Stalybridge Station ein, bevor der Zug uns zurück in die City brachte. Hier erfuhren wir noch von einem Werbebild, dass Bovril gesund, stark und schön macht – na also, her damit!

Manchester 15.10.2014: Nach einer kühlen Nacht unter einer 1,40 m-Decke in einem 1,60 m-Doppelbett statt in zwei Betten wie gebucht (das kontinentale Frühstück ist hier nicht weiter erwähnenswert) erfolgte heute der Marsch durch Manchester. Die erste Etappe führte von den Piccadilly Gardens über China Town bis Deansgate, wo wir in die Cloud 23 Bar im Hilton einkehrten. Diese bietet neben Luxus vor allem eine wunderbare Aussicht über Manchester, sogar von den Toiletten aus. Während man aus dem Sitzbereich auf das Old Trafford sehen kann, muss man schon die Herrentoilette aufsuchen, um einen Blick auf das Etihad zu werfen. An einer Seite der Bar ist sogar die Sicht steil nach unten möglich, was nach einigen Gläsern Champagner sicher lustig ist. Danach stand uns aber nicht der Sinn, die Dame trank teuren, hauskreierten und dafür wenig leckeren Tee, die beiden Herren ein kleines Bier für 6 GBP – man gönnt sich ja sonst nichts.

Manchester In der zweiten Etappe folgten wir den Kanälen bis zum MOSI (Museum of Science and Industry), gerieten am Opernhaus in eine TV-Präsentation zum Start von Schneewittchen und die sieben Zwerge mit Priscilla Presley in der Rolle der bösen Königin und erreichten kurz vor Torschluss das National Football Museum. Immerhin durften wir noch rein, auch wenn dabei natürlich keine Ruhe im Spiel war und man schon nach wenigen Minuten höflich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das Museum in 15 Minuten schließe. Erkundungen im neuen Stadtteil Noma, der mehr als nur Häuser und Plätze sein soll sondern eine modern entwickelte Nachbarschaft, und dem unkonventionellen Northern Quarter rundeten den Eindruck des zu Unrecht als graue Industriestadt verrufenen Manchester ab. Zum Abend fanden wir den gemütlichen The Bay Horse Pub, in dem eine Open Microphone Session stattfand – einer las selbstverfasste Texte vor, andere spielten Songs auf der Gitarre. Dazu wurden Kunstdrucke ausgestellt, die man kaufen kann. Nett. Leider warte ich noch heute auf eine Mail, ob meine Bestellung nun geliefert werden kann oder nicht.

Links

FC United of Manchester
FC United of Manchester (Wikipedia)
Skelmersdale United FC
Stalybridge Celtic FC
Unser Video zum Spiel (Youtube)
Offizielle Spielzusammenfassung (Youtube)
The Bay Horse Pub

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5. Abschnitt: Manchester - Penzance

Penzance Penzance 16.10.2014: Ein Tag in der Bahn – mit dreimal umsteigen in etwas mehr als sieben Stunden von Manchester über Exeter nach Penzance in Cornwall, dem Teil Englands mit den Rosamunde Pilcher-Landschaften. Die Stadt an sich hatte ich mir schöner vorgestellt, zumindest die Innenstadt leidet auch an Geschäftsaufgaben und zu vielen 1-Pfund-Geschäften wie so viele Kleinstädte, auch hierzulande.

Wir fanden dann bei der Suche nach der Heimstatt des AFC Penzance aber doch auch schöne Ecken, auch der Wanderweg bis nach Land´s End soll super sein. Witzig war, dass alle die wir nach dem Fußballstadion fragten zurückfragten, ob wir wirklich Fußball und nicht Rugby meinten bzw. nur vage Richtungsangaben machen konnten. Einer konnte uns zunächst gar nicht weiterhelfen, kam dann aber noch extra hinter uns her als ihm einfiel, dass “da hinten irgendwo” etwas mit Fußball sein  müsse… unglaublich. Dementsprechend erstrahlt das Rugbystadion auch in feinem Glanze, während der Penlee Park selbst in der einbrechenden Dunkelheit ganz schön in die Jahre gekommen aussieht. Das hat aber viel Charme, auch wenn man vielleicht beim Betrachten der Fotos die Helligkeit am Monitor etwas angleichen muss.

Penzance Endlich Zeit zum Abendessen. Und was isst man wohl am Meer? Klar: Fish & Chips mit schön Essig, herrlich. Aber die “Delikatesse” des Abends bestellte unsere mitreisende Cornwallexpertin: Frittierte Erbsen! Schneeballgroß, außen eine knusprig-fettige Teighülle und innen giftgrüne angematschte Erbsen – ganz großes Kino, ohne Scheiß.

Unheimlich gesättigt flanierten wir noch etwas am Meer entlang und kamen dabei auch am Jubilee Pool vorbei, einem Swimming Pool für´s Volk, der dem Meer abgetrotzt wurde. Leider muss der dringend saniert werden, weswegen der Zustand erbärmlich ist- Baugerüste, Gerümpel, schade. Dafür sieht der älteste Pub am Platze, Turk´s Head, richtig gut aus. Neben guten Whiskys gibt es gutes Essen und diverse Biersorten, was sich alles in absolut gemütlicher Atmosphäre genießen lässt.

Links

Penzance (Wikipedia)
AFC Penzance
Jubilee Pool
Turk´s Head Pub
Land´s End (Wikipedia)

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6. Abschnitt: Penzance – Scilly Inseln – Penzance – London – Bremen – Braunschweig

Penzance 17.10.2014: Die Abfahrtszeit der Fähre wurde von 9:15 auf 8:30 h vorverlegt, sodass wir in den Genuss des Sonnenaufgangs kamen. Leider zog es sich kurz darauf auch schon wieder zu, und man bekam eine Ahnung, warum die Verlegung nötig war. Die Scillonian III ist nicht sehr groß, zunächst in Nähe der Küste Cornwalls gab es auch keine Probleme. Als aber das offene Meer erreicht wurde, schaukelte es doch ganz ordentlich und es wurde auf dem hinteren Deck immer stiller. Knapp 2,5 Stunden dauert die Fahrt, und bereits nach einer Stunde wünschte man sich dass das Schaukeln über mehrere Meter Höhe doch wenigstens mal kurz aufhören würde. Mit angestrengtem Starren auf den Horizont bzw. auf das über mir befindliche Stahlseil und mehrfachem Durchzählen der Kabelbinder daran ging dann doch noch alles gut und die Freude war groß, irgendwann endlich Land zu sehen und in ruhiges Wasser zu kommen.

St. Mary´s Da waren sie also, die Scillies – home of the world´s smallest football league, eine Inselansammlung inmitten des Golfstroms, weswegen hier Palmen und andere mediterrane Gewächse keine Seltenheit sind. Die Hauptinsel St. Marys mit der Hauptstadt Hugh Town sollte für die nächsten Tage unsere Basis sein, und so nutzten wir den verbleibenden Tag, um den Ort und seine Geschäfte näher kennenzulernen. Leider behielt die Wettervorhersage recht und aus dem nachmittäglichen Nieseln wurde ein ordentlicher Guss, der uns auf dem Heimweg völlig durchnässte. Doch nicht nur wir wurden Opfer des Wetters, auch die Rückfahrt der Scillonian III nach Penzance wurde abgesagt, weswegen einige Menschen noch eine Nacht länger bleiben mussten. Zum Glück war die Touristensaison weitgehend vorbei, sodass offenbar niemand ohne Obdach blieb. Aber die Lokale waren dermaßen voll, dass wir froh waren, wenigstens im Bishop & Wolf Pub noch eine warme Mahlzeit zu bekommen – The Galley, ganz weit vorn bei Fischgerichten und eigentlich unsere erste Wahl, war alle Abende ausgebucht. Das liegt aber auch daran, dass viele Läden direkt nach der Saison schließen und die Einheimischen natürlich auch mal irgendwohin ausgehen wollen.

Tresco 18.10.2014: Full English breakfast hieß der deftige Start in den neuen Tag, und der begann wie der vorige endete, mit Regen. Fast hätte ich mir in Ermangelung einer trockenen Jacke den Ausflug auf die Nachbarinsel Tresco entgehen lassen, zum Glück und durch das Angebot einer Regenjacke tat ich das nicht. So lernten wir während der Überfahrt zwei Vogelkundler und ManU-Fans kennen, die kaum glauben konnten, dass wir für ein unterklassiges Fußballspiel so weit reisten und uns gleich dem 72-jährigen Ligapräsidenten Chaz Woods, ebenfalls Ornithologe, vorstellten. Dieser habe bis vor 2 Jahren noch regelmäßig gespielt, es mittlerweile aber aufgegeben. Ja, klar.

Tresco Kaum auf Tresco angekommen wurde das Wetter richtig annehmbar, sodass wir es zu Fuß und trocken nahezu komplett um die Insel herum geschafft haben, bevor das letzte Boot zurück nach St. Marys ging. Schöne Landschaft, tolle Küsten, reine Seeluft, teilweise vollen Körpereinsatz erfordernde Pfade, alte Ruinen und im Vergleich zu daheim spottbillige und grandios leckere Jakobsmuscheln im Ruin Beach Café galt es dabei zu entdecken und zu genießen. Gleich nach Wiederankunft in Hugh Town hasteten wir zum Fahrradverleih, um für den morgigen Sonntag noch Räder klarzumachen, und für den Abend hatten wir im Atlantic Inn einen Tisch reserviert, um nicht wieder nur aus einer doch meist limitierteren Pub-Speisekarte auswählen zu müssen.

St. Mary´s 19.10.2014: Spieltag der kleinsten Liga der Welt, heute sollte sich endlich ein lang gehegter Traum erfüllen. Mit guter Grundlage (Stichwort: full English breakfast) radelten wir den doch stattlichen Anstieg zum Garrison Field hinauf, wo das erste Ligaspiel der Saison 2014/2015 stattfand. Letzte Woche wurde einer der beiden Pokalwettbewerbe ausgespielt, der Charity Shield. Die Garrison Gunners gewannen nicht zuletzt durch einen Hattrick von J. Thomas mit 4:1. Als wir die Räder abstellten wurden die Linien noch nachgekreidet. Der nicht mehr ganz junge Referee lehnte wartend an dem Umkleide- und Gerätehäuschen und erste Spieler trafen ein. Die Woolpack Wanderers scheinen nun in Gelb-Schwarz zu spielen statt wie erhofft in Gelb-Blau. Neben dem Platz trainierten ein paar Kinder Rugby, der Zuschauerandrang war, nun ja, faktisch nicht vorhanden. Dementsprechend gab es auch kein Brimborium wie Einlauf oder dergleichen, als auch die letzten Kicker umgezogen waren stellten die anderen das Warmmachen ein und der Anstoß nahte. Spätestens ab da sah man mich mit der Sonne um die Wette strahlen.

St. Mary´s

Da die Touristensaison noch nicht komplett beendet war, mussten beide Teams auf je einen der beiden Ware Brüder verzichten und bekamen nur 10 Spieler zusammen, und da sich ein Wanderer beim Aufwärmen verletzte, begann das Spiel mit 9 Woolpack Wanderers gegen 10 Garrison Gunners. Noch bevor meine Kamera bereit war und die Wanderers den Ausfall taktisch kompensieren konnten fiel bereits das 0:1 durch Goalgetter Thomas (3.). St. Mary´s Danach blieben die heute als Gäste agierenden Gunners zwar klar überlegen, scheiterten jedoch das ein- oder andere Mal an Keeper Hogan, der klasse Paraden bot. Gunners Goalie Tonkinsons einzige harte Aufgabe im ersten Durchgang war es, den Ball aus dem üppigen Gestrüpp gefingert zu bekommen, in das der bei einer Art Torschussversuch geraten war. Nach einer knappen halben Stunde waren die heutigen Gastgeber dann zahlenmäßig wieder ebenbürtig, der einspringende Ersatzspieler streifte sich das Trikot des Verletzen über und nahm seine Position ein – es war kein geringerer als der Präses Woods! Bis zur Pause passierte aber zunächst nichts mehr.

St. Mary´s Scheinbar hatten alle nach dem Spiel noch was vor, sodass es bereits nach 5 Minuten weiterging. Für die zweite Halbzeit muss man wenig überraschend konstatieren, dass der Ehrenjoker dem Spiel nicht seinen Stempel aufdrücken konnte und die Dominanz der Gunners ungebrochen weiterging. So war das 0:2 durch Hicks (64.) definitiv die Vorentscheidung, und in der 72. machte selbiger mit dem 0:3 auch den Deckel ganz drauf. Das 0:4 durch Jenkins in der 78. war nur noch für das Torverhältnis… Zwischendurch lag bei einzelnen Kontern der Wanderers leider nicht soviel Torgefahr in der Luft wie bei einem sehr scharfen Rückpass eines Gunners-Verteidigers auf den Torwart. Einzig der fleißigen Defensive der Heimmannschaft war es zu danken, dass es nicht zweistellig wurde.

St. Mary´s Angenehm war die positive Stimmung auf dem unebenen Geläuf. Natürlich wurde das Spiel konzentriert geführt, aber es wurde auch immer mal gescherzt, gelacht und geneckt, dass es eine Freude war zuzusehen. Als ein Wanderer die größte Chance auf den Ehrentreffer ausließ weil er gegen den weit herauseilenden Tonkinson nicht durchzog, musste er sich schon ein spöttisches “You fairy” gefallen lassen, was mit einigem Schmunzeln bedacht wurde. Selbst als der “Ref”, der mit “Ballhöhe” nicht viel am Hut hatte, mit ein, zwei Entscheidungen vielleicht nicht ganz richtig lag, gab es nur kurzen Unmut. Als kurz vor Ende vereinzelt Krämpfe einsetzten dehnte man sich gegenseitig. Erstaunlich wiederum war die Eile, mit der dann der Platz geräumt wurde. Tornetze ab, Fahnen raus, nebenbei zwei Leute abklatschen, umziehen, ins Auto und weg ins “Vereinsheim” namens Scillonian Club, der aber auch Nichtmitgliedern gerne offen steht. Abschließend der herrliche Hamburger Kommentar: “Hätten die mich gefragt, ich wäre für 70 Minuten noch ne ordentliche Verstärkung gewesen…”

St. Mary´s St. Mary´s Nun wurde noch die Aussicht auf das Meer, die Stadt und die Nebeninseln genossen, dann startete die Radtour rund um St. Marys. Wobei rund nur eingeschränkt möglich ist, denn man muss schon die Hauptstraßen nehmen und kann nur sehr begrenzt die Wanderwege nutzen, was das Ganze eher zu einer Sternfahrt macht – an bestimmten Punkten soweit weg von den Teerstraßen radeln wie geht, dann zu Fuß weiter bis zur Küste, genießen, etwas umsehen, zurück und weiter radeln. Abschließen braucht man die Räder übrigens nicht, selbiges scheint für die Haustüren zu gelten. Ganz oft werden auch Säfte, Pflanzen, Gemüse, Kunstwerke, u.v.m. in einer Hütte oder am Straßenrand angeboten mit Preisangabe und einer Kasse daneben, zur vertrauensvollen Selbstbedienung. Das trägt sehr dazu bei, dass man sich hier einfach wohlfühlt und irgendwie auch willkommen.

Felder mit Narzissen gibt es hier en masse, die gedeihen quasi ganzjährig und werden exportiert – dieser Zweig dünnt aber wie auch die Fischerei allmählich aus. Wir passierten einige Cafés, die neben diversen Kuchensorten auch warme Mahlzeiten anbieten und zu einer wohlverdienten Pause einladen. Bei solchem Prachtwetter konnten wir diese Einladung in Old Town nicht ablehnen und genossen die tolle Aussicht mit Kaffee, Kuchen und Cornish Ice Cream. Als es weiterging fanden wir nur etwas weiter auch das Old Town Inn, wo wir am Abend nach erfolgreicher Radtour essen gingen. Zurück zur Unterkunft mussten wir dann aber schieben, denn die Räder hatten kein Licht, allerdings liegt Old Town nur 15-20 Minuten zu Fuß von dem Ostteil Hugh Towns, in dem unsere B&B Unterkunft lag. Ein rundum schöner Tag.

20. & 21.10.2014: Ein letztes full English breakfast, diesmal mit Porridge für mich, das wollte ich unbedingt mal probieren, und es ist sehr ähnlich dem Milchreis und lecker mit braunem Zucker und/oder Honig. Dann hieß es auch schon Rucksack packen und auschecken. Das Gepäck wurde, wie auch schon bei der Hinfahrt, gegen geringe Gebühr zum gewünschten Ziel gebracht, sodass man sich bis die Fähre nachmittags ablegte noch frei auf der Insel bewegen konnte. St. Mary´s Ein Spaziergang zu Juliet´s Garden Restaurant für einen kleinen Mittagssnack, nochmal ein paar Läden abklappern, die letzten Mitbringsel und Proviant kaufen, dann war es auch schon wieder an der Zeit Abschied zu nehmen – gerade wo man sich erst richtig akklimatisiert hatte… Unsere Gastgeberin hatte uns je ein Stück Ginger Cake mitgegeben, denn Ingwer beruhigt den Magen, auch auf See. Leider ist die Hinfahrt immer der harte Teil, weil man gegen die Wellen fährt. Zurück gestaltete es sich recht gemütlich, beinahe träge im Vergleich zur Hinfahrt bewegte sich die Scillonian III auf dem Wasser, so dass es gut auszuhalten war. Trotzdem traute ein Teil der Reisegruppe dem Frieden nicht und kaufte noch spezielle Ingwerkekse und -tee an Bord. Es waren wieder viele Vogelfreunde am Start und suchten Himmel und Wasser nach interessantem Federvieh ab – und irgendwann schallte tatsächlich ein “Dolphins”-Ruf über das Deck. Leider gelangen so spontan keine Fotos, aber gesehen haben wir welche, auch wenn man beim ständigen Starren auf die Wellen gelegentlich optischen Täuschungen unterlag und den Schatten einer Welle für eine Rückenflosse hielt.

St. Mary´s So kamen wir beschwerdefrei in Penzance an und kehrten erneut im Turk´s Head ein, bis der Nachtzug nach London fuhr, in dem wir Schlafplätze gebucht hatten. Das war spannend, denn als Schlafgast hatte man reservierte Plätze im Bistrowagen und es gab Tee und Kaffee gratis, mit Keksen. Zudem gab es keine Schlüssel für die Abteile sondern eine Zugbegleiterin, die ein separates Abteil hatte, scheinbar den Großteil der Nacht wachbleiben musste und einem aufschloss, wenn man reinwollte und die Tür zugezogen war. Sie war es auch, die das inklusive französische Frühstück zu gewünschter Uhrzeit servierte – ein Croissant oder ähnliches mit Butter, Marmelade und einer Tasse Kaffee. Kann man machen. Um 6 Uhr war Ankunft in London, um 7 Uhr musste man den Zug verlassen haben – sehr früh… Da mein Flug erst am Nachmittag ging und die beiden noch nicht in ihr Hotel konnten (abends stand für sie noch Chelsea – Maribor auf dem Plan) überbrückten wir die Zeit mit einem Spaziergang von Paddington Station, wo tatsächlich eine Statue des Paddington Bär steht, durch den Hyde Park zur Victoria Station, von wo mein Airport Shuttle Bus abfuhr. Zwar trafen wir nicht Hugh Grant oder ähnliche Prominenz beim Jogging, dafür war um den Buckingham Palace alles abgesperrt, scheinbar in Erwartung eines Großereignisses. Tatsächlich stattete der Präsident von Singapur der Queen einen Staatsbesuch ab. Davon sollte ich aber nichts mehr mitbekommen, denn für mich war es Zeit, aus der sehr angenehmen Gesellschaft zu scheiden und einigermaßen widerwillig dem Ruf des Alltags nach good old Brunswick zu folgen.

The End.

Links

Tresco (Wikipedia)
Worlds Smallest Football League (Facebook)
worldssmallestleague.co.uk
Isles of Scilly Football League (Wikipedia, engl.)
Unser Video zum Spiel (Youtube)
Old Town Inn

Bildergalerie (zum Vergrößern klicken)

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- Estland: Dreierpack

 

 

Torflut in Tallinn – Drei Spiele an einem Samstag

13.09.2014, Meistriliiga

 

Badge_Tallina Kalev JK Tallinna Kalev – JK Sillamäe Kalev  Badge_JK_Sillamäe_Kalev_sm

13.00 Uhr – Kalevi Keskstaadion, Endstand: 1:8

Badge_Talinna Infonet_sm FC Tallinna Infonet – Nõmme Kalju FC  Badge_Nomme Kalju

16.00 Uhr – Sportland Arena, Endstand: 1:3 

Badge_FC Flora  FC Flora Tallinn – FC Lokomotiv Jõhvi  Badge_Johvi_FC_Lokomotiv_sm

19.00 Uhr – A. Le Coq Arena, Endstand: 6:2

 

Selten hat man die Gelegenheit, drei Fussballspiele an einem Tag zu sehen. Hier in Tallinn gibt es heute 3x erste Liga im Dreistundentakt. Schauplätze sind drei verschiedene Stadien, alle ausgesprochen nahe beieinander. Perfekte Voraussetzungen für einen unterhaltsamen Nachmittag.
12.10 Uhr +++
Für einen Samstag muss das reichen. Ich verabschiede mich bei der Arbeit. Der Spieltag wartet schließlich nicht

12.35 Uhr +++
Hmm. Das Warten auf dieses Mittagessen wird mich den Anpfiff kosten. Aber eine Stärkung muss sein. Schließlich hält der Nachmittag mit drei Spielen einen regelrechten Marathon für mich bereit.

 

13.00 Uhr +++
Anpfiff im Kalevi Keskstaadion. Tallinna Kalev, der Tabellenvorletzte der ersten estnischen Spielklasse empfängt den zuletzt gut aufgelegten Viertplatzierten JK Sillamäe Kalev. Für mich aber geht es währenddessen noch schnellen Schrittes vom Vabaduse Väljak, dem Freiheitsplatz, rüber zum Stadion.

13.04 Uhr +++
Trommel und Gesang als ich die Straße ‘Staadioni’ hinauf komme. Das wundert mich, denn bei meinem letzen Besuch vor drei Wochen war hier keinerlei akustischer Heimsupport vorhanden. Sollten etwa die Gäste aus Sillamäe ein paar Leute dabei haben?

13.06 Uhr +++
Tageskasse 4€. Der Eintrittspreis beim JK Tallinna Kalev hat sich ohne erkenntlichen Grund verdoppelt. Als ich auf der Haupttribüne Platz nehme zeigen die Anzeigetafeln bereits 0:1. Beim letzten Mal bekam Kalev hier 7 Tore eingeschenkt. Droht heute eine ähnliche Schlappe?
Ein Blick ins Rund: Erneut ein sehr dürftiger Besuch. Aber tatsächlich hat Sillamäe eine kleine Gruppe Unterstützer dabei, die ihre Mannschaft energisch abfeiern und – da ist’s passiert – auch schon wieder das 0:2 bejubeln.

13.25 Uhr +++
0:3 Das Unheil nimmt seinen Lauf. Sillamäe kombiniert nach Belieben und die 9 Jungs auf der Tribüne machen weiter Show. Die Gesänge sind auf russisch. Es fällt auf, dass der Trommler wieder der Dickste ist. Bei Baggerfahrern und Trommlern greifen da oft gewisse Muster.

13.45 Uhr +++
Die Hälfte ist rum. 1:5 mittlerweile. Ich schaue zu den Nebenplätzen. Dort läuft ein Halbfeld-Jugendspiel und auf der anderen Hälfte ist ein weiteres in Vorbereitung. Schon verrückt. Da sitzen in Summe mehr Muttis und Vatis rum, als der Erstligakick nebenan Zuschauer hat. Muttis und Vatis hören wahrscheinlich auf zuzugucken, sobald ihre Jungs nicht mehr süß und blond sind sondern Pickel bekommen und auf den Rasen rotzen. Ab da bleiben nur noch ein paar verlorene Zuschauer.

14.00 Uhr +++
Weiter geht’s hier und los geht es auch in Leipzig, wo die Braunschweiger Eintracht doch hoffentlich den drohenden Fehlstart in die Saison abzuwenden vermag. Es wird mitgetickert hier in Tallinn.

14.20 Uhr +++ Live Bilder

14.25 Uhr +++
Sillamäe Kalev hat noch zwei Tore nachgelegt. Leipzig hat zwei vorgelegt. Letzteres hebt nicht unbedingt meine Laune. Außerdem ist es bei weitem nicht so warm wie gedacht. Der Sommer scheint im letzten Wochenende zurückgeblieben zu sein.

14.35 Uhr +++
Isn’t. Mit dem Blick auf die späteren und voraussichlich kühleren Spiele ändere ich meinen Plan. Aus dem Ground-zu-Ground Spaziergang wird nichts. Erstmal geht es nach Hause, um eine Jacke zu holen. 1:7 sagt die Anzeigetafel als ich mich verabschiede.

15.20 Uhr +++
Auf dem Weg zum Bus. Die Eintracht ist auf 1:2 herangekommen. Auch den bevorstehenden Anpfiff in der Sportland Arena sollte ich packen.

15.40 Uhr +++
Fuck!

 

16.00 Uhr +++
Auftakt beim Tallinner Derby vom FC Infonet gegen Nõmme Kalju. Die Gastgeber rangieren auf Platz 5 der Tabelle, zwei Plätze hinter den sich noch im Titelrennen befindlichen Kalju. Auch wenn Infonet keine Spitzenmannschaft sind, können sie diesen an einem guten Tag die Stirn bieten. Es verspricht spannend zu werden.
Die ‘Sportland Arena’ entpuppt sich quasi als B-Platz der Le Coq Arena. Eine dreistöckige Stahlrohrtribüne auf einer Längsseite des Platzes. 500 passen rein. That’s it. Der Rest ist nicht begehbar. Aber mal ehrlich: Bei den 338 Anwesenden ist das auch einfach angemessen. Man sitzt  mal wieder etwas enger, während sich in den anderen Stadien hier jeder seinen Picknickplatz sucht.

16.03 Uhr +++
Nõmme Kalju gehen früh in Führung. Der Japaner Wakui verwandelt einen Strafstoß in der dritten Minute. Exoten wie Wakui oder der Brasilianer Nunes sind es, die den Unterschied im Selbstverständnis ausmachen. Sie haben zumindest Stationen wie Porto Alegre oder Bohemians Prag im Lebenslauf und sind Ausdruck des Anspruchs von Kalju. Auch bringen sie ein bisschen Vermarktungsmöglichkeit mit in ein Land, in dem der Fußball sich schwer tut.
Wie ich schon bei deren Heimspiel gegen den FC Flora sah, hat Nõmme Kalju eine kleine und organisierte Fangemeinde. Von ihnen geht auch heute der Support aus. Die Leute wirken ganz locker. Der Infonet-Anhang scheint sich mehr aus Familen und Vereinsmitgliedern zu speisen. Viele sind russischsprachig.

16.30 Uhr +++
Der Schatten der benachbarte Le Coq Area legt sich über die Tribüne des Sportland Arena. Alles richtig gemacht mit der Jacke.

16.45 Uhr +++
Infonet spielt engagiert und mit hohem Aufwand. Kalju kommen tatsächlich etwas abgehalftert daher. Technisch besser, aber manchmal ohne große Einsatzfreude. Als man sich gerade auf den Pausenstand 1:1 einstellen will, trifft Nõmme Kalju aber doch noch einmal. 1:2 – bitter für Infonet.

17.30 Uhr +++
Nõmme Kalju führen 3:1 und spiel das nun mit wohl dosiertem Aufwand runter. Auf Seiten von Infonet ist der Kräfteverschleiss spürbar, bei Kalju die Cleverness.

17.45 Uhr +++ Live Bilder

17.45 Uhr +++
Spielschluss. Letztendlich verdienter Sieg für Kalju. Das lange Zeit enge Spiel hat Spaß gemacht und auch die größere Nähe auf den Rängen war topp.

17.50 Uhr +++
Wie bereits angesprochen ist der nächste Schauplatz, die A. Le Coq Arena, nur 30 Meter entfernt. Ein Spazierganz füllt die Stunde. Das Stadion ist in einem Gleisdreick gelegen. Stadtnah und gut angebunden, kann sich das hier durchaus sehen lassen. Was fehlt ist die oft geforderte Kneipen-Infrastruktur. Die Anzahl der Gäste wäre aber wohl auch hier eher beschränkt.
Was bereits von außen auffällt ist, dass sich die Arena mit ihren hohen Dächern ‘groß’ macht. Auch hier spiegelt sich das Streben nach Wachstum wieder, der den estnischen Fußball kennzeichnet.

18.30 Uhr +++ Live Bilder

 

19.00 Uhr +++
Drin. Der amtierende Meister FC Flora Tallinn empfängt das Schlusslicht, den FC Lokomotiv Jõhvi aus dem Osten des Landes. Es sollte also sportlich eine klare Angelegen heit werden. Ganze 230 Zuschauer verlieren sich der gut 10.000 Besucher fassenden A. Le Coq Arena. Das Stadion selbst ist ganz gelungen. Es ist ein moderner Komplex. Die Vielzahl an Logen etc. zielen eindeutig auf die Parallelfunktion als Nationalstadion ab. Flora könnte diese nicht annähernd füllen. Um die Einschätzung zu komplettieren, teste ich auch das Getränk der lokalen Bierbrauers, Herrn Le Coq.

19.15 Uhr +++
Bereits  nach 14 Minuten sind Flora 3:0 vorne. Das scheint hier ganz bitter zu kommen. Der etwa 30 Mann fassende Stimmungsblock hinter dem Tor stimmt gelegentlich Gesänge an. Meinen Hut ziehe ich vor den vier Mann aus Jõhvi, die sich hier – wenn auch lattenstramm – gut bemerkbar machen.

19.45 Uhr +++
Flora hat etwas nachgelassen und Jõhvi hat sich reingekämpft. Mit langen Bällen geht gelegentlich was. So kam Lokomotiv sogar zum Anschlusstreffer. Man hatte es nicht erwartet, aber Lok ist im Spiel. Die vier Jungs feiern groß.

20.15 Uhr +++
Mit der zweiten Hälfte legt sich ein schöner Sonnenuntergang hinter die Tribüne. Auf dem WC lässt ein Aufkleber aus der Braunschweiger Heimat aufmerken, aber ansonsten passiert hier wenig. Jeder Zuschauer hat hier und heute 44,39 Plätze für sich. Dass das kein tosender Hexenkessel ist, versteht sich von selbst.

20.30 Uhr +++ Live Bilder

20.45 Uhr +++
Auch die zweite Hälfte endet 3:1 für Flora. Endstand ist ein seltenes 6:2. Gemessen an der ersten Viertelstunde ist das noch ein recht zahmes Resultat für Lokomotiv. Der Spitzenreiter hat die Pflichtaufgabe mit reduziertem Aufwand erfüllt.

21.00 Uhr +++
Auf dem Heimweg rechne ich durch. Endstand des Tages 8:13. Über Torausbeute kann man nicht klagen. Die Zuschauerzahl hätte aber auch gern höher ausfallen dürfen.
Ist aber egal an diesem schönen Abend nach einem schönen Tag in dieser schönen Stadt. fg

 

Weitere Fussballkultour Links aus Estland:
Zwei Tallinn Derbies – Unser Bericht
Nõmme Kalju FC – FC Flora Tallinn – Unser Video
Fundstück im Wald – Das Pirita Velodrom

 

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- Estland: Tallinn Derbies

 

Der kleine Fußball – Zwei Derbies in Tallinn

 

  Badge_Nomme KaljuNõmme Kalju FC – FC Flora Tallinn Badge_FC Flora

16.08.2014, Meistriliiga, Kadrioru Staadion, Endstand: 1:0

Badge_Tallina Kalev JK Tallinna Kalev – FC Levadia Tallinn Badge_FC Levadia

18.08.2014, Meistriliiga, Kalevi Keskstaadion, Endstand: 0:7

 

Zwanzig Mann hinter ‘ner Zaunfahne

‘Zwanzig Mann hinter ‘ner Zaunfahne’ meinte Matthias, als ich von dem Ansinnen berichtete, nach Estland zu fahren. Dass dort nicht das unentdeckte Fußballeldorado wartet, war auch mir klar. Estland thronte keineswegs auf der Wunschliste der Fußball-Reiseziele, es hatte sich einfach beruflich ergeben. Tallinn also. Mit genug Zeit für das Drumherum.

Dass Tallinns Stadtkern als wahre mittelalterliche Perle gehandelt wird, dürfte sich herumgesprochen haben. Zu Recht. Dieses weithin sichtbare Aushängeschild des Landes sucht wirklich seinesgleichen. Klar geht es dort auch entsprechend museal und touristisch zu, aber wirklich schöne Orte hat man eben selten für sich selbst.

Weiteres Zugpferd der Stadt ist der Fährhafen mit Verbindungen nach Schweden, Russland und Finnland. Inmitten dieser Fernweh-Atmosphäre irgendwo zwischen ‘Traumschiff’ und ‘Auf Achse’ ist auch meine Unterkunft. Das Treiben vor meinem Fenster: Schubweise, so als sei es selbst den Gezeiten ausgesetzt. Mal herrscht Ruhe und dann werden abrupt Menschen und Verkehr auf den Platz gespült, immer wenn eine Schifsspassage endet oder ansteht. In die umliegenden Höfe zieht es auffallend viele Skandinavier mit hohl klingenden Rollkoffern oder zusammengeklappten Einkaufstrolleys. ‘Alkotouristen’ – Ihr Ziel sind die Alkoholläden, in denen preisgünstiger Tabak und Alkohol für die bevorstehende Party oder einfach die nächsten Wochen organisiert wird. ‘Alko Express’, ‘Super Alko’, ‘Alko-Stock’ oder mein Favorit: ‘Alkotraz’ haben den Hafen förmlich umzingelt. Die Dumping-Seite der Stadt. Aber auch sie zieht die Besucher an. Viele von ihnen bleiben länger, bevor es zurück geht mit dem Rucksack voll Sprit und dem Trolley voller Paletten.

Soweit das Spektakel. Die eher alltäglichen Seiten der Stadt findet man nicht selten auf dem Weg zum Stadion. Eine davon ist der Stadtteil Kadriorg. Mit dem Gründerzeitgürtel deutscher Städte vergleichbar, zeigen sich hier in den ruhigen Straßen Häuser voller Bürgerstolz. Vollständig aus Holz gebaut, wirken sie aber durch und durch skandinavisch. Ohnehin wirkt Tallinn eher nord- als osteuropäisch. Auch die neueren Gebäude im Zentrum erinnern an die leichtgewichtige zeigenössische Architektur, wie man sie in Kopenhagen oder Helsinki findet. Die Menschen und ihre Sprache runden diesen Eindruck ab.

Fotogalerie Tallinn (zum Vergrößern klicken)

 

Der kleine Fußball – Nõmme Kalju vs. FC Flora

Es regnet stark, als ich über den Parkplatz des Kadriorg Stadions eile. In zehn Minuten soll das Stadtderby zwischen Nõmme Kalju und dem FC Flora angepfiffen werden. Kaum habe ich mich eingereiht hinter dem Kartenhäusschen, hält jemand neben mir ein Ticket hoch und ruft irgendetwas. Ich frage ihn auf Englisch, ob er die Karte verkaufen will – er entgenet, er habe eine über und ich könne sie einfach haben. Guter Mann. Die Tageskasse hätte mich 10€ gekostet, was bei einem Vorverkaufspreis von 2,50€ ärgerlich gewesen wäre. Auch gut: So komme ich schneller aus dem Regen und unter das Tribünendach.

Estland ist in der FIFA-Rangliste auf Platz 93, die Liga innerhalb Europas abgemeldet. Aber das ist heute immerhin der Zweite gegen den Dritten der höchsten estnischen Spielklasse. Regen zwar, aber komm egal, es ist schließlich Derby und Samstagnachmittag beste Zeit. Da muss doch was gehen, da kommen doch sicherlich…… 605 Zuschauer.

Ist überschaubar das Ganze. Kalju hat 20 Lautstarke unter dem Dach der Hauptribüne. Flora hat seine 20 Leute gegenüber, wettergeschüztz in vereinsfarbenen Ponchos. Das Druherum mit TV-Moderation, 6 Offiziellen, Cheerleadern und Einlaufhymne wirkt dann auch etwas vermessen. Es zeugt davon, dass man hier eigentlich mehr will. Vor allem der Gastgeber Nõmme Kalju stellt sich als ambitionierter Verein moderneren Schlages dar. 2012 erstmalig Meister, schnupperte man an der Europaleague und verpasste sich mit einem peppigen Magenta eine junge Zusatzfarbe zum traditionellen Schwarzweiss. Das Kalju-Publikum ist ebenfalls jung und scheint der Mitte der Gesellschaft zu entstammen. Der FC Flora dagegen ist Rekordmeister und der größte estnische Club. Auf deren Seite finden sich durchaus hartgesottene Gestalten und die T-Shirts zeigen stark nach Rechts.

Das Spiel ist gar nicht schlecht. Vor allem Kalju trägt gute Angriffe vor. Flora verteidigt mit hohem Aufwand. Beide Fanlager sind gemessen an der Personenzahl sehr aktiv, wobei Flora etwas origineller daherkommen. Gegen Ende der Pause werden dort ganz aufgeregt die Jungs vom Bierstand herangerufen und tuschel, tuschel… auf einmal gehen die Kerzen an. Geht doch! Mitte der zweiten Halbzeit erzielen Kalju völlig verdient das Tor des Tages und auch deren Fans feiern mit pyrotechnischer Untermalung. Und tatsächlich: Die Cheerleader sind nun mit im Block. Autsch!! Ist alles zu sehen in unserem Video. Mit erneut einsetzendem Regen geht der Ausflug auf die kleine Seite des großen Fußballs zu Ende. Man kann sich das schön reden von wegen ursprünglich, authentisch usw. Die Nummer hier zeigt aber einmal mehr, dass der Fußball dort, wo er klein ist, manchmal einfach gerne groß wäre.

Fotogalerie Nõmme Kalju vs. FC Flora (zum Vergrößern klicken)

Weitere Links:
Unser Video aus dem Stadion
Nõmme Kalju FC
FC Flora Tallinn
Kadrioru Stadion – Wikipedia
Estonian Ultras Facebook Seite

 

Noch kleiner – FC Tallinna Kalev vs. FC Levadia Tallinn

Erneutes Stadtduell am Montagabend. Der Spitzenreite FC Levadia gastiert beim Tabellenvorletzten Kalev. Die zwei Euro an der Abendkasse sind ein erstes Indiz dafür, dass man hier über jedes Gesicht dankbar ist. Und tatsächlich kann man hier eigentlich allen ‘Guten Tag’ sagen. 82 Zuschauer werden später gemeldet. Was man erbeutet hätte, hätte man der 13-Jährigen am Einlass die Geldkassete geraubt, kann man sich schnell ausrechnen.

Das Stadion aber macht was her. Altehrwürdige Sowjet-Kampfbahn mit stolzer Tribünensymmetrie, die ein weites Rund rahmt. Einzig der kleine überdachte Bereich auf der Haupttribüne hebt sich etwas ab. Die üppige unterirdische WC-Anlage zeugt von großen Zeiten mit mehr Besuchern. Als ich das sehe tut mir das Stadion fast etwas leid. Wie ein alter Mensch, dem nach und nach die Freude abhanden gekommen sind, strahlt es in erster Linie Einsamkeit aus. All die Erlebnisse bleiben ungeteilt, all die Geschichten bleiben unerzählt, weil kaum mehr jemand vorbeikommt.

Wie schon bei Nõmme Kalju gibt es auch hier die Einlaufhymne während des viel zu weiten Weges aus der Kurve. Der Mann neben mir winkt anscheinend einem Spieler zu – sein Sohn? Hier wirkt diese Zeremonie noch deplatzierter als am Samstag. Als die Spieler mit Ende der Hymne auch noch dem imaginären Publikum zuwinken ist endgültig Fremdschämen angesagt. Die 82 Gäste verteilen sich über die Haupttribüne. Vier davon stehen hinter einer Levadia-Zaunfahne. Sind von den Vieren die ganzen Aufkleber in der Stadt? Ab dem Anpfiff stimmen sie immer wieder in einen Gesang ein. Hinter Tabellenführer Levadia versammelt sich in erster Linie die russische Minderheit in der Hauptstadt. Dementsprechend sind auch die trotzigen Gesänge auf russisch. Ihre Mannschaft kombiniert nach belieben und lässt zahlreiche Großchancen liegen. 0:1 steht es zur Pause. Erst danach bricht der Bann und der Spitzenreiter beendet die Partie mit 7:0.

Über dem Spiel scheint es Herbst geworden zu sein. Schnell treibt es mich nach Hause. Meine Gedanken sind bei Matthias, dem ich berichten werde: ‘VIER Leute hinter ‘ner Zaunfahne’.fg

Fotogalerie Kalev – Levadia (zum Vergrößern klicken)

Weitere Links:
Kalevi Keskstaadion – Wikipedia
FC Levadia Tallinn
JK Tallinna Kalev

 

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