Tranmere (ENG)

 

Ferry ‘cross the Mersey

 

Tranmere_50x50.svgTranmere Rovers – Swansea City FC  swan-50x50

14.02.2004, FA Cup 5. Runde, Prenton Park Birkenhead, Endstand 2:1

‘Don’t be mistaken
and don’t be misled
We are not Scousers
We’re from Birkenhead
You can keep your Cathedrals
And F*ck your pier head
We are not Scousers
We’re from Birkenhead.’

Tranmere So weit so gut zur Einstimmung. Ich starte aber trotzdem erstmal drüben bei den Scousers in Liverpool. Bereits vier Wochen verbringe ich im Rahmen meines Gastsemesters in dieser völlig vom Fußball geprägten Stadt. Liverpool und Everton, Everton und Liverpool – man kann es drehen wie man möchte, alles in dieser Region läuft auf die beiden ortsansässigen Clubs hinaus. Etwas im Schatten dieser beiden Größen existiert auf der anderen Seite des Mersey Flusses der Drittligist Tranmere Rovers. Angesiedelt ist der Club er in der Stadt Birkenhead, die wiederum auf der Halbinsel Wirral gelegen ist.

Nachbarstadt Birkenhead

Das hierzulande eher unbekannte Birkenhead spielte zu Zeiten der Industrialisierung eine große Rolle. Hier gab es sowohl die erste Straßenbahn Europas, als auch den ersten öffentlich finanzierten Park Großbritanniens, der als Musterbeispiel für den drei Jahre später entstehenden New Yorker Central Park diente. Wie beim Gegenüber Liverpool sind auch in Birkenhead die Blütezeiten passé. Bedeutung und Bevölkerung haben abgenommen, auch wenn einige der Werften nach wie vor in Betrieb sind. Die Rovers selbst sind ein gestandener Drittligist mit gelegentlichen Zweitligaausflügen.

Tranmere Der Spielfilm ‘Awaydays’, der die frühe Casual Szene der jungen 80er Jahre portraitiert, handelt von einer Tranmere Rovers Firm, die sich durch ihr junges Alter und gewähltes Äußeres von den alteingesessenen Gruppen der gegenerischen Fans abhebt. Die Kulisse erfasst die müde Kargheit der durchgereichten Region ziemlich gut. Dies wird bereits im Trailer deutlich.

In Liverpool wird der Club aufgrund seiner traditionellen Unterlegenheit mit gelassenem Wohlwollen betrachtet. Auch wenn sowohl Swansea als auch Tranmere nicht gerade die schillerndsten Adressen im britischen Fußball sind, so hat für beide dieses Pokalspiel eine große Bedeutung. Der Gewinner wird sich im dann bereits erreichten Viertelfinale unter Clubs wie Chelsea, Arsenal oder Liverpool mischen und den Großen einige Schlagzeilen abringen.

Der Reiseführer ‚Tausend Tips Europacup‘, weist für ‘Prenton Park’, das Stadion der Rovers, 16782 überdachte Sitzplätze aus. Swansea hatte ziemlich schnell sein Kartenkontigent abgesetzt und man befürchtete eine große Menge Anreisende ohne Ticket. Um also zu vermeiden, dass Swansea-Fans am Matchday Karten für die Tranmere -Tribünen erwerben wurde bekanntgegeben, dass man an der Tageskasse nur dann ein Ticket bekäme, wenn man Karten für vorherige Rovers-Spiele vorweisen könne. Da ich nichts dergleichen habe, ist also der Vorverkauf notwendig.
Ernsthaft interessiert an der Nummer zeigt sich niemand, als ich mich auf im Campus-Wohnheim nach potenziellen Begleitern umhöre. Stattdessen breche ich alleine auf. Die Fahrt eröffnet auch die Möglichkeit, einmal vom anderen Ufer des Mersey auf Liverpool zu schauen. Die eigentlich fällige Fährfahrt vertage ich aber aus Zeitgründen wieder einmal. Kennt ihr das Lied ‚Ferry `cross the Mersey‘? Ich habe es zum ersten Mal auf einer Farm in Kanada gehört, wo ich einen Sommer als Erntehelfer verbracht habe. Ich war gerade dabei, die alten Platten und Cassetten von Dean durchzusehen und stolperte über ‚Gerry and the Pacemakers‘. Auf der Rückseite konnte ich neben dem vertrauten Titel ‚You´ll never walk alone‘ eben auch ‚Ferry `cross the Mersey‘ entdecken. Ich mochte es gleich irgendwie, ohne zu wissen, dass ich an diesem Fluss einmal meine Zelte aufschlagen würde. Das zweite Mal kam mir das Lied – deutlich unspektakulärer – im Supermarkt zu Ohren.

Bahnfahrt zum Prenton Park

Tranmere Ich entscheide mich dieses Mal für die etwas weniger romantische und wohl auch eher unbesungene Variante der U/S-Bahn (man weiß es nicht genau), die den Tunnel nimmt. U-Bahn Fenster – Spiegel des Schwermutes und der städtischen Verdrossenheit. Das Absurdum, hinter den Fenstern nichts als Schwarz zu haben,
die befremdliche Introvertiertheit des Waggons, die nicht dem Naturell des Bahnfahrens entspricht – das ist das nüchterne, reduzierte Bild des Alltags. Dazu die allgegenwärtige Schläfrigkeit, völlig unterbeschäftigte Menschen und dann plötzlich wieder, beinahe erlösend der hektische Trubel des Ein- und Aussteigens.

Ich sitze in so einem so durch und durch müden Zug in Richtung Chester. Schon bevor wir Liverpool verlassen scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Der Halt in “James Street” ist von seltsamer Länge. In “Hamilton Square” werden fünfmal die Türen auf- und zugemacht, als eigentlich alles schon startklar ist. Und in “Birkenhead Central” stehen wir dann richtig. Das Geräusch der Türen erzeugt genervte Gesichter. Zuerst das schrill warnende Piepen, dann die mechanischen Geräusche … immer im Wechsel.
Wie immer in solchen Situationen kommen die Leute ins Gespräch. Manchmal muss eben erst ein Ärgernis her, damit man ein Wort an den Platznachbarn richtet. Und wie immer in solchen Situationen fehlt auch der Betrunkene nicht. Dieser hier – Kategorie Adelskrone – scheint der einzige Fahrgast zu sein, der Spaß an der Pause hat. Er füllt sie mit Durchsagen – “Ladies and Gentelman …”. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, die ohnehin schon präsenten Türgeräusche immer nochmal nachzuahmen. Seiner Gefährtin/ Frau/ Trinkkumpanin ist die ganze Geschichte etwas peinlich. Sie hat noch nicht genug getrunken, um seine Freude teilen zu können und flüstert ihm ein scharfes ‚Shut the fuck off!‘zu. Die anderen unter seinen Ansagen mittlerweile verstummten Fahrgäste wissen nicht mehr wo sie hinschauen sollen. Sie werden schließlich von einer diesmal echten Durchsage erlöst, wonach der Zug doch bitte zu verlassen sei und keiner von ihnen scheint wirklich böse darum. Der Betrunkene bricht in triumphalen Jubel aus und intoniert in doppelter Lautstärke mit einer seiner Durchsagen. Der nächste Zug in Richtung “Ellesmere Port” kommt gleich darauf und reicht mir, da ich sowieso nur noch zwei Stationen weiter muss. Die Leute, die nach Chester wollen, müssen allerdings länger warten und können sich sicher noch über Unterhaltung freuen, da unser ehrenamtlicher Schaffner auch nach Chester muss und noch ein paar Ansagen in sein Bierdosenmikrofon bereithält.

Im Stadion

Von der Station ‚Rock Ferry‘ gehe ich noch eine ganze Weile durch die Straßen von Birkenhead. Irgendwie wirkt hier alles ein bisschen sortierter. Die Grundstücke nehmen sich mehr Platz als die in Liverpool, aber dennoch ist alles seriell. Es sieht privater aus und die Häuser zeigen eben die Accessoires, die von Eigentümern stammen. Auffällig viele Palmen in den Gärten zeugen
von so etwas wie einem Inselbewusstsein.

Tranmere Am Stadion angekommen halte ich mich nicht lange mit Millieustudien auf, denn mein Ticket weist schließlich freie Platzwahl aus. Der ‚Kop Stand‘, das Homend der Rovers, ist ein ganz schön großer Kasten – 7000 Sitzplätze hinter einem Tor sind ziemlich üppig für einen Drittligisten. Ich fühle mich nicht wie in der dritten Liga, dafür
sitze ich irgendwie zu hoch. Die Bedeutung dieses Pokalauftritts hat das Stadion sehr gut gefüllt. Es wirkt in seinen Proportionen ein bisschen schlecht ausbalanciert, was vor allem durch das Missverhältnis zwischen der stattlichen Haupttribüne und der sehr flachen Gegengerade kommt.

Die mir gegenüberliegende Gästetribüne, der ‚Cowshed‘ ist bis auf den letzten Platz belegt. Swansea hat sich nicht lumpen lassen. Diese Tribüne ist seltsam. Sie hat auf der rechten Seite eine größere Tiefe als auf der Linken, hat also keinen rechteckigen Grundriss. Ein Blick auf den Stadtplan bestätigt, dass man einfach maximal bis an die nicht parallel zum Spielfeld laufende Straße herangebaut hat. Die mehreren Tausend Waliser machen imposanten Lärm, dem der Kop zunächst nicht so viel entgegenzuhalten hat. Beide Anhängerschaften spielen ein bisschen Länderspiel. Im Cowshed sind mehr Wales- als Swansea – Flaggen zu sehen und im Rest des Rundes ist das St. Georges Englands nicht selten zu finden. Es wird “En-ger-land, En-ger-land” skandiert. Nur wenige stehen allerdings bei einem “Stand up when you´re Englander” (tatsächlich in dieser Endung) wirklich auf.
Tranmere hat zusätzlich zum Kop noch eine kleine Gruppe Aktivisten auf der Gegengerade. Diese präsentieren sich als Provokateure und haben nächstmöglich zum Swansea-Stand ihre Plätze. Von dort gehen in erster Linie Anfeindungen aus, weniger Anfeuerungen. Im Zwischenraum wurde ein Block freigelassen.

Tranmere Mit dem Auflaufen der Mannschaften wird auch der Kop richtig laut. In dessen Pausen kommt aber durch was die Swansea Tribüne präsentiert und das ist durch und durch beeindruckend. Im ganzen Park hallen deren Lieder. Auch das Spiel geht ab wie die Post. Tranmere, ganz in Weiß, tut sich schwer gegen die ganz in Schwarz spielenden Gäste, die agiler sind. City spielt sich schnell zwei ganz dicke Chancen raus und die Rovers wackeln hinten gewaltig. Im Mittelfeld wird nicht viel Zeit verloren und so geht es schnell von Tor zu Tor. Ich bin mir sicher, dass hier viele fallen werden. Nach 15 Minuten bebt die Swansea Tribüne als die Gäste den Führungstreffer vor dem Kop erzielen. Tranmere findet nicht ins Spiel und hat erhebliche Probleme in der Abwehr. Die Spitzen der Rovers sorgen allerdings vereinzelt für Gefahr. Der Franzose in den Reihen der Rovers wird nach einer halben Stunde im Strafraum umgerissen und die Rovers bekommen einen Elfmeter zugesprochen, durch den sie ausgleichen können. Leider, wie ich finde. Zu beeindruckend fand ich bisher den Auftritt der Swans, auf dem Platz und vor allem auf der Tribüne. Auch das England-Gehabe um mich herum nervt mich.

Tranmere Bis zur Halbzeit passiert nicht mehr viel. Nach der Pause nimmt Tranmere das Spiel in die Hand und zeigt Entschlossenheit. Um die sechzigste Minute herum erzielen die Rovers dann ein schönes Tor aus etwa 20 Metern von halbrechts in den langen Winkel. Auch in der Folgezeit bleibt das Spiel engagiert umkämpft mit großen Chancen für beide Mannschaften. “You`re not singin´ any more” singt man nun in Richtung der Gäste. Aber Pustekuchen, der Cowshed steht weiterhin bravurös hinter seiner Mannschaft.

 

Dann ist Schluss und Tranmere steht im Viertelfinale des FA Cups. Ist doch was. Auch wenn ich es Swansea City an diesem Nachmittag gegönnt hätte dort zu stehen, so freue ich mich doch für den Club aus der Nachbarstadt. Dort wird man am Montag sehr gespannt auf die Auslosung lauern. Dicke Fische werden dann im Wasser schwimmen. fg

Links:

Ein Muss: 1965er Video von ‘Ferry ‘cross the Mersey’
Info zum Film ‘Awaydays’
Trailer ‘Awaydays’
Tranmere Rovers

 

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