- Estland: Tallinn Derbies

 

Der kleine Fußball – Zwei Derbies in Tallinn

 

  Badge_Nomme KaljuNõmme Kalju FC – FC Flora Tallinn Badge_FC Flora

16.08.2014, Meistriliiga, Kadrioru Staadion, Endstand: 1:0

Badge_Tallina Kalev JK Tallinna Kalev – FC Levadia Tallinn Badge_FC Levadia

18.08.2014, Meistriliiga, Kalevi Keskstaadion, Endstand: 0:7

 

Zwanzig Mann hinter ‘ner Zaunfahne

‘Zwanzig Mann hinter ‘ner Zaunfahne’ meinte Matthias, als ich von dem Ansinnen berichtete, nach Estland zu fahren. Dass dort nicht das unentdeckte Fußballeldorado wartet, war auch mir klar. Estland thronte keineswegs auf der Wunschliste der Fußball-Reiseziele, es hatte sich einfach beruflich ergeben. Tallinn also. Mit genug Zeit für das Drumherum.

Dass Tallinns Stadtkern als wahre mittelalterliche Perle gehandelt wird, dürfte sich herumgesprochen haben. Zu Recht. Dieses weithin sichtbare Aushängeschild des Landes sucht wirklich seinesgleichen. Klar geht es dort auch entsprechend museal und touristisch zu, aber wirklich schöne Orte hat man eben selten für sich selbst.

Weiteres Zugpferd der Stadt ist der Fährhafen mit Verbindungen nach Schweden, Russland und Finnland. Inmitten dieser Fernweh-Atmosphäre irgendwo zwischen ‘Traumschiff’ und ‘Auf Achse’ ist auch meine Unterkunft. Das Treiben vor meinem Fenster: Schubweise, so als sei es selbst den Gezeiten ausgesetzt. Mal herrscht Ruhe und dann werden abrupt Menschen und Verkehr auf den Platz gespült, immer wenn eine Schifsspassage endet oder ansteht. In die umliegenden Höfe zieht es auffallend viele Skandinavier mit hohl klingenden Rollkoffern oder zusammengeklappten Einkaufstrolleys. ‘Alkotouristen’ – Ihr Ziel sind die Alkoholläden, in denen preisgünstiger Tabak und Alkohol für die bevorstehende Party oder einfach die nächsten Wochen organisiert wird. ‘Alko Express’, ‘Super Alko’, ‘Alko-Stock’ oder mein Favorit: ‘Alkotraz’ haben den Hafen förmlich umzingelt. Die Dumping-Seite der Stadt. Aber auch sie zieht die Besucher an. Viele von ihnen bleiben länger, bevor es zurück geht mit dem Rucksack voll Sprit und dem Trolley voller Paletten.

Soweit das Spektakel. Die eher alltäglichen Seiten der Stadt findet man nicht selten auf dem Weg zum Stadion. Eine davon ist der Stadtteil Kadriorg. Mit dem Gründerzeitgürtel deutscher Städte vergleichbar, zeigen sich hier in den ruhigen Straßen Häuser voller Bürgerstolz. Vollständig aus Holz gebaut, wirken sie aber durch und durch skandinavisch. Ohnehin wirkt Tallinn eher nord- als osteuropäisch. Auch die neueren Gebäude im Zentrum erinnern an die leichtgewichtige zeigenössische Architektur, wie man sie in Kopenhagen oder Helsinki findet. Die Menschen und ihre Sprache runden diesen Eindruck ab.

Fotogalerie Tallinn (zum Vergrößern klicken)

 

Der kleine Fußball – Nõmme Kalju vs. FC Flora

Es regnet stark, als ich über den Parkplatz des Kadriorg Stadions eile. In zehn Minuten soll das Stadtderby zwischen Nõmme Kalju und dem FC Flora angepfiffen werden. Kaum habe ich mich eingereiht hinter dem Kartenhäusschen, hält jemand neben mir ein Ticket hoch und ruft irgendetwas. Ich frage ihn auf Englisch, ob er die Karte verkaufen will – er entgenet, er habe eine über und ich könne sie einfach haben. Guter Mann. Die Tageskasse hätte mich 10€ gekostet, was bei einem Vorverkaufspreis von 2,50€ ärgerlich gewesen wäre. Auch gut: So komme ich schneller aus dem Regen und unter das Tribünendach.

Estland ist in der FIFA-Rangliste auf Platz 93, die Liga innerhalb Europas abgemeldet. Aber das ist heute immerhin der Zweite gegen den Dritten der höchsten estnischen Spielklasse. Regen zwar, aber komm egal, es ist schließlich Derby und Samstagnachmittag beste Zeit. Da muss doch was gehen, da kommen doch sicherlich…… 605 Zuschauer.

Ist überschaubar das Ganze. Kalju hat 20 Lautstarke unter dem Dach der Hauptribüne. Flora hat seine 20 Leute gegenüber, wettergeschüztz in vereinsfarbenen Ponchos. Das Druherum mit TV-Moderation, 6 Offiziellen, Cheerleadern und Einlaufhymne wirkt dann auch etwas vermessen. Es zeugt davon, dass man hier eigentlich mehr will. Vor allem der Gastgeber Nõmme Kalju stellt sich als ambitionierter Verein moderneren Schlages dar. 2012 erstmalig Meister, schnupperte man an der Europaleague und verpasste sich mit einem peppigen Magenta eine junge Zusatzfarbe zum traditionellen Schwarzweiss. Das Kalju-Publikum ist ebenfalls jung und scheint der Mitte der Gesellschaft zu entstammen. Der FC Flora dagegen ist Rekordmeister und der größte estnische Club. Auf deren Seite finden sich durchaus hartgesottene Gestalten und die T-Shirts zeigen stark nach Rechts.

Das Spiel ist gar nicht schlecht. Vor allem Kalju trägt gute Angriffe vor. Flora verteidigt mit hohem Aufwand. Beide Fanlager sind gemessen an der Personenzahl sehr aktiv, wobei Flora etwas origineller daherkommen. Gegen Ende der Pause werden dort ganz aufgeregt die Jungs vom Bierstand herangerufen und tuschel, tuschel… auf einmal gehen die Kerzen an. Geht doch! Mitte der zweiten Halbzeit erzielen Kalju völlig verdient das Tor des Tages und auch deren Fans feiern mit pyrotechnischer Untermalung. Und tatsächlich: Die Cheerleader sind nun mit im Block. Autsch!! Ist alles zu sehen in unserem Video. Mit erneut einsetzendem Regen geht der Ausflug auf die kleine Seite des großen Fußballs zu Ende. Man kann sich das schön reden von wegen ursprünglich, authentisch usw. Die Nummer hier zeigt aber einmal mehr, dass der Fußball dort, wo er klein ist, manchmal einfach gerne groß wäre.

Fotogalerie Nõmme Kalju vs. FC Flora (zum Vergrößern klicken)

Weitere Links:
Unser Video aus dem Stadion
Nõmme Kalju FC
FC Flora Tallinn
Kadrioru Stadion – Wikipedia
Estonian Ultras Facebook Seite

 

Noch kleiner – FC Tallinna Kalev vs. FC Levadia Tallinn

Erneutes Stadtduell am Montagabend. Der Spitzenreite FC Levadia gastiert beim Tabellenvorletzten Kalev. Die zwei Euro an der Abendkasse sind ein erstes Indiz dafür, dass man hier über jedes Gesicht dankbar ist. Und tatsächlich kann man hier eigentlich allen ‘Guten Tag’ sagen. 82 Zuschauer werden später gemeldet. Was man erbeutet hätte, hätte man der 13-Jährigen am Einlass die Geldkassete geraubt, kann man sich schnell ausrechnen.

Das Stadion aber macht was her. Altehrwürdige Sowjet-Kampfbahn mit stolzer Tribünensymmetrie, die ein weites Rund rahmt. Einzig der kleine überdachte Bereich auf der Haupttribüne hebt sich etwas ab. Die üppige unterirdische WC-Anlage zeugt von großen Zeiten mit mehr Besuchern. Als ich das sehe tut mir das Stadion fast etwas leid. Wie ein alter Mensch, dem nach und nach die Freude abhanden gekommen sind, strahlt es in erster Linie Einsamkeit aus. All die Erlebnisse bleiben ungeteilt, all die Geschichten bleiben unerzählt, weil kaum mehr jemand vorbeikommt.

Wie schon bei Nõmme Kalju gibt es auch hier die Einlaufhymne während des viel zu weiten Weges aus der Kurve. Der Mann neben mir winkt anscheinend einem Spieler zu – sein Sohn? Hier wirkt diese Zeremonie noch deplatzierter als am Samstag. Als die Spieler mit Ende der Hymne auch noch dem imaginären Publikum zuwinken ist endgültig Fremdschämen angesagt. Die 82 Gäste verteilen sich über die Haupttribüne. Vier davon stehen hinter einer Levadia-Zaunfahne. Sind von den Vieren die ganzen Aufkleber in der Stadt? Ab dem Anpfiff stimmen sie immer wieder in einen Gesang ein. Hinter Tabellenführer Levadia versammelt sich in erster Linie die russische Minderheit in der Hauptstadt. Dementsprechend sind auch die trotzigen Gesänge auf russisch. Ihre Mannschaft kombiniert nach belieben und lässt zahlreiche Großchancen liegen. 0:1 steht es zur Pause. Erst danach bricht der Bann und der Spitzenreiter beendet die Partie mit 7:0.

Über dem Spiel scheint es Herbst geworden zu sein. Schnell treibt es mich nach Hause. Meine Gedanken sind bei Matthias, dem ich berichten werde: ‘VIER Leute hinter ‘ner Zaunfahne’.fg

Fotogalerie Kalev – Levadia (zum Vergrößern klicken)

Weitere Links:
Kalevi Keskstaadion – Wikipedia
FC Levadia Tallinn
JK Tallinna Kalev

 

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