Khimik Dserschinsk (RUS)

 

Ausflug mit Torpedo

 

  badge_Khimik_smFK Khimik Dserschinsk – Torpedo Moskau  Badge-Torpedo_small

17.11.2013, FNL (2. russische Liga), Khimik-Stadion, Endstand: 0:3

Der Zug ächzt kraftlos durch Moskau. Viel zu gequält, viel zu langsam ist der Takt der Gleisstöße. Der in der kargen Beleuchtung blechern schimmernde Schallschutz scheint kein Ende zu nehmen. Vor dem Fenster wirkt es, als ginge jemand mit einer Kulisse vorbei. Der Zug wird nicht einmal merklich langsamer als wir schließlich in den Bahnhof Belorusskaja einfahren. Er stoppt einfach. Und endlich sind wir da. Mit morschen Gliedern klettern wir hinaus auf den Bahnsteig, ermattet von einem langen Tag.

5.45 in der Nachbarschaft

Dserschinsk-Torpedo Zunächst aber beginnt dieser Tag wie er endet, müde. Um 5.45 Uhr treffe ich Artem. Er ist Anhänger von Torpedo Moskau und selbst Blogger. Vor einigen Wochen lernte ich ihn über meinen Bericht zum Heimspiel Torpedos gegen Dynamo St. Petersburg kennen. Beim anschließenden Treffen in einer Kneipe lud er mich ein, Torpedos letztes Auswärtsspiel in diesem Jahr zu besuchen. Es sollte ins nur vierhundert Kilometer entfernt gelegen Dserschinsk zum FK Khimik gehen. Abgemacht. So komme ich in den Genuss eines Komplettpakets: Bahnfahrten und Ticket organisiert Artem. Kurios aber ist unser Treffpunkt. 12 Millionen Menschen wohnen in Moskau, aber wir beinahe nebeneinander. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir über einer Bierdeckelskizze herausfanden, dass meine Bleibe in derselben Straße ist wie seine Wohnung, er in #3 und ich in #7.

Die Ringbahn bringt uns zum Kursker Bahnhof. Hier startet der zwischen Moskau und Nischni Nowgorod verkehrende Schnellzug ‘Sapsan’. Der ‘Wanderfalke’ ist ein Verwandter des ICE3, allerdings in einer wintertauglichen Variante. Komfortabel geht es also in weniger als vier Stunden ins 400km entfernte Dserschinsk. Der Fahrpreis bleibt mit 30€ dennoch erschwinglich. Ein wenig Flair der alten Züge bleibt dennoch erhalten: Zwei Betrunkene sind bestens gelaunt und führen ein paar Sitze weiter ein angeregtes Gespräch, ohne sonderlich dessen Lautstärke im Griff zu haben. Die überdehnten Stimmlagen schwanken zwischen erschöpfter Trunkenheit und plötzlich aufgeregtem Fluss. Ich male mir in Gedanken zwei Comicfiguren dazu aus und muss selbst lachen. Artem meint, das Gespräch handele vom Zionismus in der russischen Politik. Häufig wenn russische Männer betrunken seien, ende das Gespräch irgendwo zwischen Politik und Philosophie.

Dserschinsk in den Top 10 der Welt

Dserschinsk-Torpedo Ich wusste nichts über Dserschinsk. Füttert man Google mit ‚Dserschinsk‘ und wählt die Bildanzeige aus, zeigt sich ein verheerendes Bild. Als verwandte Begriffe werden ‘Tschernobyl’ und das chinesische ‘Linfen’ angeboten und damit sind wir schnell auf der richtigen Fährte: Das Blacksmith Institute führte Dserschinsk im Jahr 2007 als einen der zehn am meisten verschmutzen Orte der Erde (Vgl. Link unten). Boden und vor allem Wasser gelten als hochgradig verseucht. Die Stadt war zur Sowjetzeit Zentrum der Chemiewaffenproduktion und Entsorgungsstätte zugleich. In das Thema Lebenserwartung will ich hier gar nicht erst nicht einsteigen. Seit Beginn des neuen Jahrtausends werden anscheinend vermehrt Gegenmaßnahmen ergriffen. Naheliegend: Der Clubname ‘Khimik’ bedeutet so viel wie ‘Chemiker’. Auch hier hat der Sozialismus Verderben bringendes als Heil und Wohlstand bringend eingekleidet. Deutsche Partnerstadt ist übrigens … ganz genau ‘Bitterfeld’. Die Umweltverschmutzung scheint mittlerweile so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt zu sein und Teil der lokalen Identität. Auch die Khimik – Fanszene hat sich unter dem Namen ‚Dust‘ versammelt.

Um es vorwegzunehmen: Zu spüren ist von all dem nichts, als wir aus dem Zug aussteigen und durch die Stadt spazieren. Klar ist das kein Kurpark hier, aber es fallen einem auch nicht gleich Tauben vor die Füße. Dserschinsk wirkt wie eine ganz normale, vielleicht etwas abgenutzte kleine Stadt in Russland.

Wir haben fünf Stunden bis zum Anpfiff rumzubringen. Ausgedehnter Rundgang und dann Mittagessen in einem Kafe. Ein Kafe ist keinesfalls ein Café. Vielmehr ist es eine Gaststätte oder ein Imbiss. In diesem hier sind aufgrund der Stadionnähe schon einige Torpedo-Fans. Obwohl oder vielleicht gerade weil die Zapfhähne in der Umgebung geschlossen bleiben, wird es an manchem Tisch unruhig und irgendwann sortiert die Polizei einige Leute aus. Wir essen auf und gehen zum Stadion, einem alten Sowjetbau, recht liebevoll geschaffen für verschiedenste Sportarten. Ich mag zwei Dinge. Zum einen die in den Außenputz eingearbeiteten Wandbilder, die Sportler zeigen. Zum anderen gefällt mir, wie hier städtebaulich gedacht wurde. Nicht etwa die Haupttribüne ist nach Außen das Gesicht des Stadions, sondern ein Kurvenbereich, der zum Hauptplatz der Stadt ausgerichtet ist.

Gut gelaunter Gästeblock im Khimik Stadion

Dserschinsk-Torpedo Rund um das Stadion sind bereits mehrere Straßen abgesperrt, was angesichts des geringen Zuschaueraufkommens etwas vermessen wirkt. Aber klar, Torpedo Moskau kommt nicht alle Tage und hat sicherlich einen gewissen Ruf im Gepäck. Für Khimik, im Tabellenmittelfeld angekommener Aufsteiger und traditionell eher Drittligist, ist es sicherlich eins der größeren Spiele, ebenso für die örtliche Polizei.

Eine Stunde vor Beginn gehen wir rein. Angesichts des komplexen Kontrollablaufs ist das nicht so verkehrt. So genau bin ich noch nie kontrolliert worden und das gleich zweimal. Zu guter Letzt werde ich noch in einen Bus gebeten, um meine Schuhe auszuziehen. Als ich zu verstehen gebe, kein Russisch zu sprechen, bleibt mir das dann aber erspart. Drinnen. Die Hälfte der Ränge ist dauerhaft mit Werbeplanen abgedeckt. Gut 5.000 Plätze bleiben so verfügbar 3.500 werden heute belegt.

Es ist gut, so früh dran zu sein. Man bekommt doch einiges mit. Spannend, wer hier nach und nach so alles aufläuft. Auch sieht man wieder einmal, dass Ultra auch echt Arbeit heißt. Die ganzen Zaunfahnen ziehen einiges an Kletterei nach sich und die ZSKA-Aufkleber vom letzten Pokalspiel müssen erst einmal entfernt und überklebt werden. Irgendwann kommt eine Delegation mit einigen Polizeibeamten und sucht Banner, die sich gegen den unbeliebten Präsidenten Herrn Lukmanov richten. Die Ultras werden gedrängt, ein Banner zu entfalten und zu zeigen. Zum Vorschein kommt die Botschaft ‚Lukmanov unser Kapitän‘. Dagegen sei doch wohl nichts zu sagen! In der Tat scheint auch die Delegation hier keine Handhabe zu sehen. Auch über den lächerlich bunten Gockel, der das Plakat ziert steht anscheinend nichts in der Dienstanweisung.

Dserschinsk-Torpedo Links von uns ist die halbvoll besetzte Haupttribüne. Im ersten Block der anderen Kurve stehen die knapp 100 Dust-Ultras. Im Gästeblock finden sich die etwa 800 Torpedo Fans ein. Der Support hier lässt sich trotz des sehr länglichen Blocks gut an. Schnell finden sich ein linker und ein rechter Teil für Wechselgesänge. Der Mitmachanteil ist hoch, so wie es sich für Auswärtsspiele gehört. Torpedo bedient sich nie eines Capos und ist ausdrücklich stolz auf darauf, dass jeder einen Gesang anstimmen kann. In der ohnehin schon für schlechte Luftqualität bekannten Stadt, nimmt man es dann mit den spielbegleitenden Aufforderungen, das Abbrennen von Pyrotechnik zu unterlassen auch nicht so genau.

Das Spiel selbst ist eher dürftig. Folgerichtig stellen zwei Elfmeter die Höhepunkte der ersten Halbzeit dar. Den ersten verwandelt Torpedo, den zweiten vergibt Khimik. Besser ist die zweite Halbzeit. Torpedo tritt deutlich souveräner auf, spielt Möglichkeiten heraus und bestätigt die gute Serie der vergangenen Wochen. Zwei weitere Treffer sorgen für Feierstimmung im Gästeblock. Mit dem Schlusspfiff marschiert eine Polizeikette auf, aber irgendwie spürt man, dass hier und heute nichts passieren wird.

Zeit rumkriegen im sauren Regen

Dserschinsk-Torpedo Beim Verlassen des Stadions wird nochmal ausgebremst und die Menge entzerrt. In Deutschland ist ja eher das Bündeln, Einkesseln und Eskortieren gebräuchlich. Hier dagegen wird man der Rudelbildung vorbeugend, grüppchenweise rausgelassen. Auf dem Weg passiert man ein Spalier von Polizisten mit ausgedruckten Fotos, die anscheinend noch ein paar auffällig gewordene Besucher zu finden versuchen.

Es regnet. Toxischer Regen, wie Artems Freunde scherzen. Wir haben noch zwei Stunden bis zum Zug und suchen eine Kneipe. Die Hälfte der Zeit haben wir fast rum, als wir fündig werden. Es ist eine Art Sportsbar. An der Dekoration hier merkt man wieder einmal, wie gewichtig der englische Fußball im internationalen Bewusstsein ist und wie unbedeutend der deutsche. Artem bestellt uns schnell zwei Bier und ein Paket Pistazien, da wir schneller zum Zug müssen als die anderen. Die Bedienung stellt uns einen Teller mit genau 17 Pistazien hin. Ein Witz? Nein, nein. Es seien eben kleine Päckchen. Wir sind zu perplex, den Preis pro Stück zu überschlagen. Wir bestellen noch zwei Bier für den Weg und verabschieden uns zum Zug um 18.45 Uhr. Die anderen hier müssen noch bis 1.20 Uhr warten, allerdings macht der Laden um 23 Uhr dicht. Auswärtsfahrten sind eben nicht immer nur Spaß.

Ein Hauch Wildost im Bistrowagen

Unser Zug kommt aus Nowosibirsk und fährt bis nach Brest. Er gehört zur weißrussischen Flotte. Wir haben zwei obere Liegen in einem alten Großraumwaggon. Das Ehepaar unten lässt uns aber mit sitzen. Die sind tatsächlich schon seit drei Tagen hier in dem Zug unterwegs und in ihren abgetragenen Trainingsanzügen sehen sie aus, als seien sie Teil von ihm geworden. Auch vor uns uns liegen noch schlappe 6 ½ Stunden Fahrt. Schon nach einer Stunde müssen wir ausweichen, da die beiden sich ablegen. Wir finden eine freie Bank und öffnen ein weiteres Bier. Bereits beim nächsten Halt steigt ein gebrechlicher älterer Herr zu. Die Schaffnerin bittet uns, ihm die Bank zu überlassen, da er nicht in sein Hochbett klettern kann. Machen wir.

Dserschinsk-Torpedo Letzte Zuflucht ist der Bistrowagen ein Stück weiter hinten. Der ist interessant, mehr wie ein Stehcafé-Kiosk, der das 20 jährige Jubiläum seiner letzten Renovierung feiert. Stilecht gibt es weißrussisches Bier zu – absurden, ach nein, gut – weißrussischen Preisen. Etwas seltsam. Der Zug ist vier Tage in Russland unterwegs und nur einen in Belarus selbst. Doch der Kioskier in seiner Kabine tippt jedes Mal aufs Neue einen Wechselkurs in den Taschenrechner. Artem mutmaßt, dass er sich so die Möglichkeit vorbehält auch mal in den Preisen zu variieren. Soll uns aber egal sein. Für uns ist das Bistro der Schalter von ‘Absackbier’ zu ‘Steilgehen’. Zu uns gesellen sich bald vier sehr junge Torpedo Ultras und wir unterhalten uns gut. Als das Bistro um 22 Uhr auch schon wieder schließt sind sie es, die uns auffangen. In ihrem Abteil seien zwei, die eh nicht schliefen und wir könnten mitkommen.

Gesagt getan. So sitzen wir dann zu acht in dem kleinen Abteil. Die beiden Weissrussen steigen obwohl völlig fussballfremd schnell in die Gespräche ein und es wird sehr kurzweilig. Die Youngsters zeigen mir auf dem Telefon die Ultra-Malereien ihrer Crew. Ich sage, dass ich in Moskau wenig davon gesehen hätte verglichen mit Kiew oder polnischen Städten und sie meinen, die meisten Sachen hätten dort nur die Lebensdauer von einem Tag. Manches werde gereinigt anderes von Dynamo oder ZSKA übermalt. Ich mag wie interessiert die Jungs sind. Zunächst sind es Hooliganfilme, Russisches Bier, Hardbass und Hip Hop, dann Ost- und Westdeutschland, Lukaschenko, Stalin, Hitler und irgendwann meint Artem wir klängen wie die beiden Trinker der Hinfahrt. Am Ostende der Stadt steigen die Jungs aus und es wird ruhiger. Aber sicher sind auch wir gleich zuhause. fg

 

Fussballkultour Links:
Unser Video zu dieser Fahrt
Unser Bericht Torpedo Moskau – Dynamo St. Petersburg

Weitere Links:
Artems Blog: groundhopping.ru
Soccerway zur 2. Russischen Liga
‘DUST’ – Fanseite Khimik Dserschinsk
Inoffizielle Torpedo Seite auf Englisch
Blacksmith Insitute: Liste der am meisten verschmutzen Orte der Erde
Wikipedia zu Dserschinsk
FAZ-Artikel zum ‘Sapsan’ Zug

Fotogalerie (zum Vergrößern klicken)

 

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Torpedo Moskau (RUS)

 

Torpedo zurück an alter Heimstätte

 

Badge-Torpedo_small FK Torpedo Moskau – Dynamo St. Petersburg  Badge-DynSPB_small

18.10.2013, FNL (2. russische Liga), Eduard-Strelzow-Stadion, Endstand: 2:0

Fußball Club Torpedo

stre_10 Torpedo Moskau. Ein Name, kraftvoll wie ein Raketenstart. Drei Sowjetmeisterschaften, sieben Pokalsiege und 20 Europapokal-Saisons. Torpedo hat sicherlich seine Geschichten zu erzählen.

Die sportliche Gegenwart des Clubs polarisiert allerdings weniger. Der Ligaalltag in der FNL, der zweiten russischen Liga hält reihenweise so schöne Ansetzungen wie Montag 15 Uhr bereit. Spiele am Samstag oder Sonntag sind selten. Es ist ein echter Überlebenskampf für die Clubs, die sich obendrein Reisen durch das ganze weite Land gegenüber sehen. Dazu hat diese Liga mit vier Abstiegsplätzen ordentlich Gewichte an den Beinen, stets drohend, einen noch tiefer zu ziehen.

Aber Torpedo hat Ärgeres hinter sich: Verkäufe, Aufsplittungen, Umbenennungen, schließlich gipfelnd im Niedergang bis in den Amateurfußball der 4. Liga im Jahr 2009. Mit Beginn der laufenden Spielzeit verlor der Club nun auch noch seine natürliche Heimat.

Das Gelände des Eduard-Strelzow-Stadions wurde vom russischen Milliardär Mikhail Prokhorov aufgekauft. Dem Eigentümer des NBA-Teams ‘Brooklyn Nets’ schwebt ein moderner, überdachter Sport-Komplex vor. Inwiefern Torpedo eine Rolle in den Überlegungen spielt, bleibt abzuwarten. Seit Beginn der laufenden Spielzeit mussten die Schwarzweißen bereits weichen. Die hohe Strelzow-Miete war mit dem 2. Liga Etat nicht zu stemmen. Leider bestreitet man die Heimspiele nun 45km entfernt, dafür erschwinglich, in der Vorstadt Ramenskoje.

stre_35 Für einen Club wie Torpedo, der so sehr von seiner Verortung lebt, ist eine solche Entfremdung eine weitere schwere Bürde. In Zahlen heißt das: Ganze 717 Zuschauer im Schnitt (Angabe ‘Soccerway’).

Anders als Spartak, die stets die Sympathie des Volkes in weiten Teilen des Landes genossen, oder Dynamo, die stets die Behörden hinter sich wussten, war Torpedo immer der Stadtteilclub der Autobauer. Anders als in unserem Sprachgebrauch nämlich meint ‘Torpedo’ im Russischen keineswegs in erster Linie die U-Boot Waffe. Der Begriff ist hier im Karosseriebau von Fahrzeugen gebräuchlich und wird außerdem ähnlich dem deutschen Wort ‚pfeilschnell‘ gebraucht. Der Club selbst stand in seiner Entstehungsgeschichte lange Zeit dem Automobilwerk ‘SIL’ nahe, was auch heute noch zur Identifikation beiträgt. Noch heute sieht der Club das nahe dem Werksgelände und der Metro Station ‘Avtozavodskaya’ gelegene Eduard-Strelzow-Stadion als seine Heimstätte an.

 

Tatsächlich mal ein Volltreffer!

‘Nix zu holen im Strelsov-Stadion’ denke ich mir noch eingangs der Woche und begnüge mich stattdessen mit einer Stippvisite. Es ist ein herrlicher Herbsttag, der zumindest gute Fotos verspricht. Die gibt es auch und sie sind weiter unten zu sehen. Das Stadion und seine Lage beeindrucken mich. Am selben Abend schlage ich noch mal nach und taste mich durch die Torpedo-Fanseite. Im Forum fällt ein frischer Beitrag durch sehr viele Antworten auf. Ich wähne irgendeinen Paukenschlag. Und tatsächlich, die Google-Übersetzung verkündet in holprigem Deutsch ein Gerücht, Torpedo spiele das Heimspiel am Freitag im Strelzow! Dies verhärtet sich schnell. Der Hintergrund ist, dass draußen in Ramenskoje Anzhi Makhachkala ihr Europa-League-Spiele gegen Tromsö bestreiten werden. Der Platz ist bereits arg strapaziert. Torpedo soll daher für ein Spiel fern gehalten werden. Saugut.

 

Flutlichtabend

Torpedo Über Dynamo St. Petersburg, den Gegner an diesen Freitagabend ranken sich weitaus weniger Geschichten. Bereits drei Wiedergründungen zeugen von einer unstetigen Vereinsgeschichte, die zumeist in der dritten Liga stattfand.
Mit der U-Bahn fahre ich nach Avtozavodskaya. An der Station angekommen sieht man erstmals vereinzelt Fußballpublikum. Nach fünf Minuten Fußweg ist man schon an den Kassenhäuschen, wo ich für umgerechnet weniger als 5€ eine Karte für die Osttribüne bekomme. Was mir sofort auffällt ist die sehr gewählte Kleidung der Leute. Ich habe ein paar Jahre in Liverpool und London verbracht, wo der Stadionbesuch viel mehr mit einem bewussten Kleiden und Marken verbunden ist als in Deutschland. Noch deutlicher ist das hier und heute. Stone Island, Henri Lloyd und Adidas erfreuen sich großer Beliebtheit und die neblig-kühle Flutlichtluft passt richtig gut dazu. Ist irgendwie auch Russland, wo man zuhause nur in Puschen und Pyjamas abhängt, sich aber immer gut kleidet, wenn man aus dem Haus geht.

Mein Platz ist mitten im Stimmungsblock. Fühlt sich anfangs komisch an, legt sich aber schnell. Ich verstehe zwar nix, aber die Leute wirken ganz entspannt. Der 18 Uhr Anpfiff hat viele Nachzügler zur Folge. 2.800 Zuschauer finden sich nach und nach ein. Auf der gegenüberliegenden Haupttribüne sitzen die meisten eher locker verteilt. Eine Gruppe Steher hat sich auch dort formiert. Auf unserer Tribüne sind nur zwei Blöcke freigegeben, dadurch steht man recht kompakt. Sitzen mag hier niemand. Es ist viel Bewegung auf der Tribüne. Man kennt sich und begrüßt sich. Auch wurden am Eingang die Feuerzeuge einkassiert. Daher sind ständig irgendwelche Leute unterwegs, um sich bei anderen die Zigaretten anzuzünden. Anders als das olympische Feuer, dass hier neulich unter Pannen durch die Stadt getragen wurde, geht dieses eine niemals aus, mehrt sich und mindert sich, aber scheint das ganze Spiel über den Block zu bedienen.
Auch knapp 50 Gästefans haben eingangs der Kurve mit einigem Abstand von uns Position bezogen und machen sich durch Zaunfahnen bemerkbar.

 

Fußballspiel und Fahnenjagd

Keine Nationalhymne wie in der 1. Liga. Stattdessen leichte Marschmusik zum Spielbeginn. Torpedo, ganz in Weiß, ist bemüht, das Spiel zu gestalten. Spritziger wirken allerdings die Gäste. Die Unterstützung von den Rängen ist sehr konstant und kann sich absolut sehen lassen. Vor allem die Gruppe gegenüber initiiert immer wieder Wechselgesänge. Die Führung besorgt dann Torpedo nach einem Eckball in der 35. Minute.

Torpedo Nach der Pause kommen vor allem die Tribünen in Fahrt. Zunächst zeigen die Petersburger demonstrativ ein beschriftetes Laken in Richtung Heimblock. Das Getöse nimmt nur kurzweilig zu. Eine ganze Weile später fliegen zwei Leuchtraketen auf die Laufbahn vorm Gästeblock. Jetzt geht’s richtig los. Erst Gerenne vor dem Eingang zum Gästeblock und dann brechen aus unserem Block die ersten Leute auf die Laufbahn aus. Zuerst schlüpft einer durch und dann wird die Ordnerreihe einfach überrannt. Alles rennt auf den Gästeblock zu, wo die Petersburger in den oberen Teil ihres Käfigs zurückweichen. Unten werden die beiden Zaunfahnen abgerissen, während das Gros der Leute auf den Blockeingang drängt. Dort werden sie abgepuffert vom Polizeiaufgebot. Jetzt sind auch die Torpedospieler mit dabei und beruhigen die Gemüter. So trabt der Tross von etwa 50 Mann dann unter dem Jubel des Torpedo-Anhangs wieder zurück zum Heimblock und lässt sich feiern. Natürlich werden die Piter-Banner unter Schmähgesang präsentiert, versteht sich doch.

Als das Spiel fortgesetzt wird, ist es reich an Möglichkeiten. Dynamo rennt mit hohem Laufpensum an und hat seine Möglichkeiten. Auch Torpedo lässt die Konter liegen, bis kurz vor Schluss schließlich die kraftlose Piter-Abwehr überwunden werden kann. Das Spiel ist entschieden und das Stadion singt den Sieg nach Hause. Durch diesen wahren Torpedo die Tuchfühlung zur Spitzengruppe. Dynamo steckt weiterhin im Abstiegskampf fest.

Torpedo Auf dem Weg zur U-Bahn gibt es noch ein paar Manöver entlang der Hauptstraße. Ein sich formierender Mob wird von der Reiterstaffel der Polizei mit beeindruckender Effizienz abgeräumt. Wie Schäferhunde ihre Herde verstehen sie es, die Menge zu teilen, zu einen und zu lenken und im Nu ist die Straße frei. Richtig kalt ist es geworden. Ich bin froh, nun in die Wärme des U-Bahntunnels abzutauchen. Und ich bin froh, hier gewesen zu sein, denn das war richtig geil!

Unser Video zeigt die entscheidenden Szenen auf dem Platz und auf den Rängen. Gute Aufnahmen vom Eduard-Strelzow-Stadion finden sich in der Galerie ganz unten. fg

 

Weitere  Links:

Unser Bericht vom Moskauer Derby ‘Lokomotiv – ZSKA’
Unser Bericht FK Strogino Moskau – Zenit St. Petersburg II
Inoffizielle Torpedo Seite auf Englisch
Gelungenes Video zum 2:0
Eduard-Strelzow-Stadion
Dynamo St. Petersburg – Offizielle Seite
Soccerway zur 2. Russischen Liga

 

Eine Liebeserklärung: Das Eduard-Strelzow-Stadion

ZSKA bauen, Dynamo bauen, Spartak bauen … und bei Torpedo könnte bald etwas ganz anders stehen. Also nochmal hin. Angenehm ursprünglich erscheint das Eduard-Strelzow-Stadion gerade vor diesem Hintergrund. Bei schönstem Herbstwetter haben wir noch ein paar Bilder im Alltagszustand gemacht. Es ist ein wirklich schönes Gelände. Erhöht über der Moskwa liegt der Stadteil Avtozavodskaya. Aus diesem gelangt man vom Eingangstor durch einen kleinen Park zur Oberkante der in den Hang gebauten Osttribüne. Über Treppen hinter den Kurven geht es hinunter auf die Ebene des Flussufers. Hier ist als Hauptribüne die Westtribüne errichtet, die auch die Funktionsräume beherbergt. In den Kurven sind nur kleine Tribünen um jeweils ein Sporthallengebäude (Boxen und Gymnastik) errichtet. 13.450 Zuschauer finden im 1959 gebauten Stadion Platz.
Außerhalb der Großveranstaltungen ist das Gelände frei zugängig und wird für den Breitensport genutzt. Seine Zukunft ist jedoch unklar und hängt von den Vorstellungen des neuen Eigentümers ab. fg

 

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