Ausblick: Nürnberg (2014)

 

Ausblick: Nürnberg +++ Wiedersehen mit Clubfans United

 

clubfans logoFast genau 14 Monate ist es her, dass ein erster austausch mit dem Nürnberger Fan-Blog Clubfans United stattfand. Seitdem ist bei beiden Vereinen einiges passiert, was uns Anlass genug ist, vor dem Heimspiel am kommenden Montag die Geschehnisse in der verstrichenen Zeit nochmal zu betrachten und aktuelle Themen anzureißen, die Fans beider Lager gleichermaßen interessieren sollten.

Alexander Endl hat sich erneut unseren Fragen gestellt, und wir denken, dass seine Beiträge wieder interessant und lesenswert geraten sind – viel Spaß also bei der Lektüre, (geistreiche) Rückmeldungen sind erwünscht! Das Interview von den Clubfans mit uns ist unter diesem Link abrufbar. Los geht´s…:

 

[fussballkultour] Hallo Alexander, schön dass wir wieder das Vergnügen haben, auch wenn es diesmal in Liga 2 stattfindet. Sprachen wir uns 2013 noch am fünften Spieltag, geht es nun stramm auf die Winterpause zu, es sollte also genug Gesprächsthemen aus der Zwischenzeit geben. Wie die Bundesligasaison geendet ist haben wir ja alle verfolgt, oder besser verfolgen müssen, vielleicht kannst du trotzdem nochmal beschreiben, wie du das Geschehen beim Club nach der Winterpause wahrgenommen hast. Was ist über die Monate passiert, wo siehst du eventuell große Fehler und was hätte helfen können den Abstieg zu verhindern?

[Clubfans United] Hallo Stefan, freut mich auch mal wieder bei euch zu Gast zu sein und eure Fragen beantworten zu dürfen. Mir liegt der Dialog zwischen den Fans wirklich am Herzen und das Internet ist dabei mein Revier. Zur letzten Bundesligasaison ist eigentlich schon so viel gesagt, wir haben uns da intern quasi schon eine Art Maulkorb verpasst, weil wirklich jedes Argument, jede Sichtweise und jede Kritik schon 100 Mal durchgekaut wurde. Natürlich fass ich trotzdem gern nochmal meine Sichtweise der Rückrunde zusammen. Mit Verbeek hatte man einen Trainer, der alle träumen ließ – nicht nur vom Klassenerhalt, sondern von einer besseren Zukunft. Und wie schrieb einer so treffend: Vor lauter Träumen haben wir dann wohl irgendwie die Realität aus den Augen verloren. Wir haben versäumt die notwendigen Korrekturen am Kader vorzunehmen, wir haben vielleicht auch vor lauter “Ich bereue diese Liebe nicht” (Fanaktion) versäumt die notwendige Kritik aufzubauen, und wir haben einfach nicht sehen wollen, dass Verbeek bei all der Hoffnung, die er verbreitete, am Ende zu engstirnig an seiner Linie festhielt und damit mit wehenden Fahnen unterging.

Liebe macht blind, sagt man, Hoffnung manchmal aber auch. Und an diese Hoffnung wollte(!) man einfach glauben – auch nach 5, 6, 7 verlorenen Spielen in Serie bis es dann zu spät war. Klar haben dann auch noch alle anderen Komponenten reingespielt, wie eine unglaubliche Verletzungs-Serie, unfassbares Alu-Pech und unbeschreibliche Schiri-Entscheidungen, aber wenn man dann mal ehrlich ist: Bei so einem Abstieg kann man nicht nur das Schicksal bemühen. Da muss man schon dann auch selbst noch seinen Teil zu beitragen. Und so einfach wie in der Saison wird es wohl nie wieder, einen Abstieg zu vermeiden, indem man einfach irgendwas anders gemacht hätte – oder einfach beim desolaten HSV wenigstens Remis gespielt. Gerade der HSV bettelte ja um den Abstieg, aber da haben wir eben nicht mitgemacht, der Franke ist eben stur…

 

[fussballkultour] In Braunschweig schlug der Abstieg keine hohen Wellen, weil einfach jeder damit rechnen musste. Von daher ist es schon interessant zu schauen, wie es in Nürnberg abgelaufen ist. Was ist denn im Nachgang der alten bzw. in der Vorbereitung der neuen Saison passiert? Wie waren zum Beispiel die Reaktionen in der Fanszene, wie hat der Verein gehandelt, was geschah innerhalb des Teams?

[Clubfans United] Nach der Saison waren erst mal alle irgendwie leer und platt – wir in jedem Fall. Da war einfach keine Emotion mehr, nicht mal mehr Wut und Enttäuschung. Man wollte einfach seine Ruhe haben. Und diese Fan-Apathie hat der sportlichen Leitung auch erstmal Luft verschafft, und diesen Freiraum nutzte man weitgehend um den ganzen Kader rauszuwerfen (ziehen zu lassen), sich ewig Zeit für die neue Stelle des “Abteilungsleiter Fußball” zu nehmen und danach in aller Gemütsruhe einen Trainer und schließlich einen Kader zu suchen – Zeit die man hinterher beklagte, da ja so ein neuer Kader erstmal selbige benötige. Eine zwischenzeitlich einberufene außerordentliche Mitgliederversammlung (wie auch eine reguläre JHV danach) brachte nix neues, auch weil die Opposition viel zu schwach war und der Franke an sich eh keine Änderungen will, weil Änderungen immer die Gefahr bergen, es könnte ja noch schlimmer kommen. Und so gab man halt mal wieder allem eine Chance, dem neuen Abteilungsleiter Frühstück (ups, Fußball), dem Rookie-Trainer, dem Kader, den man überhaupt nicht einschätzen konnte.

Es kam dann fast so wie es kommen musste: Der Kader ist zwischenzeitlich als “korrekturbedürftig” beschieden, das Saisonziel wurde geknickt und der Trainer ausgetauscht. Immerhin wird aus dem Frühstücks-Direktor nun so langsam die Rolle, die man von ihm erhofft hatte: eine kritische Instanz mit Kompetenz. Nun hoffen wir halt mal wieder, da sind wir ja geübt drin. Als Clubfan hat man ja schon alles erlebt und ist trotzdem dabei geblieben – so sind sie halt, die Franken: Schwer zu begeistern, aber wenn einmal, dann meist treu bis in den Tod – so sagt man.

 

[fussballkultour] Man hört und liest immer öfter, dass die Bundesliga an Attraktivität verliert und die 2. Liga mehr und mehr an Reiz durch klangvolle Namen, Traditionsvereine und typische Fußballkultur gewinnt. Wie nehmen die Club-Fans die 2. Liga wahr, eher als unterhaltsamen Tapetenwechsel oder muss man unbedingt wieder rauf? Gibt es offiziell verlautbarte Ziele des 1. FCN?

[Clubfans United] Keine einfache Frage, weil sie an den Kern von zwei Fan-Philosophien stößt. Geht es um Fankultur oder geht es nicht eigentlich um Sport? Ich glaub das kann man nicht verallgemeinern und das muss jeder für sich entscheiden. Ich für meinen Teil habe durchaus mehr Sympathien für Vereine mit Fankultur als für Retorten-Clubs, auch wenn ich dann den einzelnen Fan genau so respektiere mit seinen Emotionen. Aber es ist doch viel schöner an ein Böllenfalltor zu reisen und die ganzen Geschichten zu lesen, als nach Ingolstadt. Dennoch ist die Option 2. Liga keine Option, weil es für mich am Ende dann doch vor allem um Sport geht. Ich schau gern guten Fußball an – und der ist in Liga 2 einfach unterrepräsentiert. Die Fehlerquoten sind z.T. unterirdisch, schöne Spielzüge muss man oft suchen. Und wenn einer mal gut kickt, ist er im Handumdrehen in Liga 1, weil man in Liga 2 ihm einfach keine Perspektive anbieten kann.

Daher: Am liebsten seine Kultur bewahren und trotzdem in Liga 1 kicken und dabei so gut arbeiten, dass man denen ein Schnippchen schlagen kann, die mit Geld nur so um sich werfen. Vielleicht eine Utopie, dass das auf Sicht möglich ist – aber vielleicht gibt es ja auch Mittelwege. – Seitens des Vereins war anfänglich übrigens Wiederaufstieg “natürlich das Ziel”, aber mit Hintertürchen “nicht um jeden Preis”, dann wurde das Ziel “vorerst” verworfen, dann wieder mal mehr oder minder als Wunsch, den man nie ganz aus den Augen verliert, artikuliert. Aber machen wir uns nix vor: Der FCN muss einfach den Anspruch haben nach so lange Bundesliga und mit dem Etat (für Liga 2-Verhältnisse) wieder aufzusteigen. Und mit jedem Jahr das verstreicht wird es ja nicht einfacher.

 

[fussballkultour] Befreundet mit Schalke, Antipathie zu den Bayern – soviel ist auch hier bekannt. Aber mit welchen anderen Vereinen können Nürnberger Fans eigentlich gut, und mit welchen gar nicht? Auf welche Teams der 2. Liga „freut“ man sich am meisten?

[Clubfans United] Da ich als “Internet-Fan” nicht die Kurve so nah verfolge, kriege ich nur mit, was man so liest – dazu gehört die Fan-Freundschaft mit Rapid Wien. Warum genau mir Rapid nahe stehen soll, weiß ich nicht, aber ist auch nicht wichtig. Wen man gar nicht mag sind die Bayern und die Fürther. Besonders freuen tut man sich trotzdem auf das Derby gegen den Nachbarn Fürth, auch wenn dann alle immer bisschen durchdrehen, wenn es wieder soweit ist.

 

[fussballkultour] Die neue Spielzeit ist in vollem Gange, beide Teams konnten den allgemein hohen Erwartungen an Erstligaabsteiger zunächst nicht gerecht werden. Wenn man als Außenstehender so über den Club-Kader liest, fallen einem viele neue Namen auf. Wie schätzt du die Mannschaft nach dem großen Umbruch ein, hat sie das Potential zur Erreichung der Saisonziele oder muss schnell etwas passieren? Wer sticht heraus, von wem muss noch mehr kommen?

[Clubfans United] Ich kann da nur für mich (Alexander) sprechen, denn wir sind da in der Redaktion durchaus sehr unterschiedlicher Auffassung. Für mich war der Kader von Anfang an zu schwach besetzt (für die Ziele) und die Frage, warum man die vielen Transfermillionen nicht reinvestierte, ist auch bis heute nur teilweise beantwortet (und auch das nicht befriedigend). Wer so einen krassen personellen Umbruch hinlegt und dann nur etwas zusammenstellt was vielleicht funktionieren “kann”, wenn wirklich alles passt, braucht keine Ambitionen nach oben zu artikulieren. Zweimal hat man dann schon nachjustiert, sicher nicht ausreichend um Ansprüche anzumelden. Nun muss Weiler schauen, was er trotzdem daraus machen kann und dann vielleicht im Winter nochmal nachzulegen am Transfermarkt. – Hat das Team aktuell das Potenzial? Nicht nach dem Saisonstart, da hat man schon zu viel liegen lassen, auch wenn man nie nie sagen soll, denn die 2. Liga ist so ausgeglichen, dass fast alles noch möglich erscheint. Da man aber alles versuchen sollte, um doch noch aufzusteigen, muss man fast zwingend im Winter nochmal nachlegen – und zwar mit Ausrufezeichen. Das ist man René Weiler schuldig. Und den Fans.

 

[fussballkultour] Wer steigt auf, wer ist drittligagefährdet? Wo wird der Club deiner Meinung nach landen?

[Clubfans United] Ich kann es derzeit wirklich überhaupt nicht einschätzen. Ingolstadt, Leipzig, Kaiserslautern – sicherlich Teams mit Ambitionen, aber sogar in unserer miesen Phase nicht so stark, daraus Kapital zu schlagen. Darmstadt, Heidenheim? Können sie die Leistung konstant abrufen? Dann sind da noch Teams wie eure Braunschweiger, 1860, Fürth, Bochum oder unser Club, die nochmal angreifen werden wollen. Lediglich Düsseldorf sehe ich derzeit als weitgehend wahrscheinlichen Kandidat für weit oben. Der Rest wird sich noch sortieren müssen. Aalen, Sandhausen, FSV oder auch Union werden dagegen wohl immer eher unten stehen. Und unser Club? Ich glaube wir bekommen diese Saison nochmal eine Chance – ob wir sie nutzen, das kann ich dir nicht sagen.

 

[fussballkultour] Die Vorweihnachtszeit beginnt, in Braunschweig ist einer der schönsten Weihnachtsmärkte Norddeutschlands eröffnet – man kann also über Geschenke sprechen. Wer wird sich am Montag Punkte unter den Baum legen können und warum? Was dürfen wir vom Club erwarten?

[Clubfans United] Ich weiß es nicht. Gerade gegen euch kann ich das derzeit überhaupt nicht mal tippen, auch weil ich nicht mal meinen Club wirklich verstehe und irgendwas prognostizieren könnte. War der Sieg gegen Ingolstadt nun das wahre Leistungsvermögen? Das dachten wir schon vom Sieg gegen FCK oder Leipzig, um dann gegen Sandhausen, Heidenheim oder Darmstadt zu verlieren. Bis dato sahen wir in jedem Fall immer besser aus gegen starke Gegner – daher kommt uns eure Serie vielleicht gerade recht. Ich bleibe also mal Optimist und setze weiter auf den Trainerwechsel-Effekt: Der Club gewinnt mit 3:2.

 

[fussballkultour] Es wird ja immer wieder über Veränderungen im deutschen Fußball diskutiert, einige Dinge werden dann auch eingeführt, andere verworfen. Mit welchen Gefühlen verfolgst du die Entwicklung? Was erachtest du als sinnvoll, was geht in eine falsche Richtung? Und wo siehst du den Fußball in sagen wir mal zehn Jahren? Wo hoffentlich nicht?

[Clubfans United] Die Kommerzialisierung ist unaufhaltsam. Selbst wenn man es noch könnte, die Hauptprotagonisten werden sich sicher nicht ins Knie schießen und daher also nichts tun, was den Zirkus aufhält. Sogar Financial Fairplay entpuppt sich bei genauerer Betrachtung ja eher als geeignet die Großen und ihren Status zu schützen als die Kleinen. – Wahrscheinlich wird erst dann eine Umkehr möglich sein, wenn das System kollabiert, wenn man nach 15 Meisterschaften der Bayern in Serie die Lust am Fußball verliert, wenn die Plätze 2 bis 10 von künstlichen Konstrukten belegt sind und die Vereine alter Prägung längst der Geschichte angehören. Vielleicht braucht man dann eine Europa-League, da können sich dann FCB und Real mit ManCity und PSG einschließen und werden wahrscheinlich noch reicher und absurder. Aber irgendwann verliere ich zumindest mal dann das Interesse und gehe dann vielleicht nur noch zum Amateurverein um die Ecke, da hab ich dann wenigstens kurze Wege, kaum Eintritt, bin an der frischen Luft und krieg noch ne schöne Grillwurst.

Wenn ich was ändern könnte? Führt Gehaltsobergrenzen ein, sorgt für echtes FFP. In fast allen Sportarten der Welt pflegt man sein Produkt, indem man die Regeln anpasst, bevor das System kollabiert, wenn es zu einseitig wird – in der Formel 1 macht man das ständig. Der Fußball hätte Maßnahmen für mehr Chancengleichheit dringend nötig. Sonst sehe ich in 10 Jahren schwarz, jedenfalls für alle die, die sich nicht vom Glamour der Stars berauschen lassen, sondern eigentlich nur gern guten und spannenden Fußball sehen wollen – bei ihrem Herzensverein und nicht beim Bezahlfernsehen am Mittwochabend.

 

[fussballkultour] Vielen Dank für deine Zeit und die ergiebigen Antworten, es war uns wieder eine Freude. Zum Abschluss von unserer Seite ein herzliches Willkommen den anreisenden Gästefans – wie lautet dein Schlusswort?

[Clubfans United] Wenigstens da fasse ich mich kurz – mein Schlusswort ist entliehen vom DFL-Fanbeauftragten Schneider, den ich mal kennen lernen durfte: “Hört nicht auf miteinander zu reden! Denn mit reden lernt man sich kennen und wen man mal besser kennenlernte, dem haut man auch nicht so einfach auf die Fresse.” Es gibt genug Gewalt in der Gesellschaft, genießen wir unseren Sport ohne. In den Farben getrennt, aber vereint in der Sache.

 

Das Interview per e-Mail führte Stefan Sauer mit Alexander Endl von Clubfans United.

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